Ein Sommer-Alp-Traum auf SRF

Eine Fantasie beherrscht das Schweizer Fernsehen: Von einer Schweiz als von Bergen umfriedetem Land. Bewohnt von einem freien, rotbackigen Volk, Männern in Edelweisshemden, Frauen mit Zöpflifrisuren und Ziegen melkenden Kindern.

Die Schweiz ist ein von Bergen umfriedetes Land. Darin lebt ein freies, rotbackiges Volk, Männer in Edelweisshemden, Frauen mit Zöpflifrisuren, die Kühe melken, Heu wenden und Käse machen. Am Abend fallen sie zufrieden ins Bett, die Hände keusch auf die rot-weiss karierte Bettdecke gelegt und träumen – bestimmt nicht von ihren europäischen Nachbarn oder der grossen weiten Welt.

Der Schweizer sei ein Homo Alpinus, schrieb der Germanist Peter von Matt 2012 in einem Aufsatz, in dem er dem merkwürdigen Phantasiebild des Schweizers als einzigartigem Bergvolk auf den Grund geht. Aus der Antike stamme dieser Mythos und im 19. Jahrhundert sei er noch zementiert worden: mit Vaterlandsliedern, die davon handeln, wie Gott persönlich den Schweizern die Berge geschenkt habe. Einen ‚Wall von Gott’ zum Schutz gegen Feinde. Obwohl ein Grossteil der Schweiz nicht innerhalb dieser Berge liegt, sondern drum herum im Flachland. Dort, wo die Städte wachsen, die Industrie dampft und die Einfamilienhäuschen stehen. Dort wird gelebt, gearbeitet, geforscht, politisiert. Dort kommen Fortschritt und Entwicklung her. Aber dennoch, sagt von Matt, seien die Städte der symbolischen Gewalt der Berge nicht gewachsen. Eine Phantasie regiert die Schweiz.

Diese Phantasie regierte diesen Sommer offenbar auch das Schweizer Fernsehen. Das Programm während der vergangenen Wochen war ein regelrechter Sommer-Alp-Traum: Kühe, Schwinger, Alpen, Käse, sobald man den Fernseher einschaltete. Aus Schweiz Aktuell wurde ‚Schweiz Aktuell am Berg’, eine Sommerserie über eine Älplerfamilie, die das schöne harte Leben auf der Alp lobpreisen durfte, die Abgeschiedenheit und Zufriedenheit dort oben, weitab von Bern und Subventionsgeschäften. Sabine Dahinden, sonst Moderatorin von  ‚Schweiz Aktuell’, wagte sich gleich selber in tausende Meter Höhe, um ein paar Abenteuer zu erleben für die andere Serie, ‚Dahinden am Berg’. Und für Glanz und Gloria, wo Dahinden dann über ‚Dahinden am Berg’ reden durfte. In ‚Alpfutur’ räsonierte ein Wissenschaftler über die Zukunft unserer Sömmerungsweiden. Ivo Adam kochte in seiner ‚Schwiizer Chuchi’ Giswiler Älplermagronen von der Fluonalp. In der Sendung ‚Berg und Geist’ durfte der Zuschauer dem Artisten Freddy Nock beim Tanz auf einem Zermatter Seilbahn-Seil zuschauen. ‚CH: Filmszene’ brachte Dokus über Kuhköniginnen und ‚Das Erbe der Bergler’. In ‚SRF bi de Lüt’ machte sich Nik Hartmann auf die Suche nach dem Steinbock oder lernte das Geheimnis des Heuballentransports kennen. Undsoweiter.

Im Auftrag der SRF steht, die Anstalt müsse die «schweizerische Wirklichkeit» umfassend abbilden. Und «dies in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen – von der Politik, Kultur und Wirtschaft über die Gesellschaft, den Sport bis hin zur Unterhaltung.» Im Sommer gilt das offensichtlich nicht. Im Sommer sorgen Klischees und Kühe für Quoten. Aktualität und Relevanz haben Ferien. Stattdessen sorgt ein ‚typisch schweizerisches Programm’ dafür, den Mythos dieses gesunden, wehrhaften Bergvolkes weiter zu zementieren. Die Phantasie eines freien Landes hinter einem Wall von Bergen, die uns schützen sollen vor allem Fremden.

 

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