Frauen filmen besser

Männer dominieren die Top 10 der erfolgreichsten Schweizer Spielfilme. Aber es sind die Werke der Frauen, die an Festivals international Erfolge feiern.

Sich «Schellen-Ursli», «Grounding» oder «Mein Name ist Eugen» an Filmfestivals wie Cannes oder der Berlinale vorzustellen, ist geradezu absurd. «Home» von Ursula Meier hingegen, das Drama um eine Familie, die wegen einer Autobahn aus der Balance gerät, feierte 2008 in Cannes Premiere; ihr Drama «L’enfant d’en haut» über eine gegen Armut ankämpfende Alleinerziehende, gewann 2012 in Berlin den Silbernen Bären. «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» von Stina Werenfels lief 2015 ebenfalls an der Berlinale.
 
Die Männer dominieren zwar die Top 10 der erfolgreichsten Schweizer Filme. Aber Erfolg beim einheimischen Publikum allein verschafft dem Schweizer Film noch kein Renommee, zumal der Marktanteil bei nur 5,4 Prozent liegt.
Es sind die Frauen, die dafür sorgen, dass der Schweizer Film international überhaupt wahrgenommen wird: Ihre Werke laufen an Festivals und gewinnen Preise. Ein paar Beispiele: «L’enfant d’en haut» lief an 60 Festivals, «Home» an 46. «Das Fräulein» von Andrea Štaka an 35. – «Schellen-Ursli» und «Grounding» hingegen, in der Schweiz beide unter den Top 5, liefen an fünf beziehungsweise neun Festivals. Das Drama «Chrieg» von Simon Jaquemet war 2014 eine höchst erfreuliche Ausnahme, so wie jetzt Claude Barras’ bezaubernder Animationsfilm «Ma vie de Courgette», der für einen Oscar nominiert werden könnte; dass Xavier Koller mit seinem Flüchtlingsdrama «Reise der Hoffnung» einen Oscar gewann, liegt Jahrzehnte zurück.
 
Frauen bringen Renommee
 
Trotz den offensichtlichen Festival-Erfolgen werden Spielfilme von Frauen aber sehr viel schlechter gefördert als die ihrer Kollegen, das belegte die Studie der Weiterbildungsstätte für Film- und Audiovisionsschaffende Focal. Das muss sich ändern. Dem Renommee des Schweizer Films zuliebe. Wie gut mehr Geschlechtergerechtigkeit dem Schweizer Film täte, kann man ab Donnerstag an den Solothurner Filmtagen sehen. Da sind neben vielen sehr guten Dokumentarfilmen beispielsweise die Dramen «I Am Truly a Drop of Sun on Earth» von Elene Naveriani und «Le ultime cose» von Irene Dionisio zu sehen. Aber vor allem ist da «Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe, eine Komödie, bei der man nie weiss, ob man lachen oder weinen soll. Sie handelt von der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz.
 
«Die Tatsache, dass wir erst seit 1971 abstimmen können, ist derart absurd, es musste eine Komödie werden», sagt Volpe über ihren zweiten Kinofilm, der vom dänischen Verleih Trustnordisk bereits nach China verkauft wurde und auch in Deutschland schon einen Verleiher hat. Es geht darin um die Hausfrau Nora (Marie Leuenberger), die wieder als Sekretärin arbeiten möchte. Aber ohne die Einwilligung ihres Mannes Hans (Max Simonischek) darf sie das nicht. So steht es im Schweizer Ehegesetz. Also fängt Nora an, für ihre Rechte zu kämpfen, und reisst das ganze Dorf mit.
 
Obwohl sich das alles in einem typisch schweizerischen Idyll abspielt, ist «Die göttliche Ordnung» kein Heimatfilm. Die Biederkeit, die so vielen Schweizer Spielfilmen oft unfreiwillig anhaftet und sie ungeniessbar macht, ist bei Volpe Programm: Sie führt sie vor als etwas, das es zu zerstören gilt. Insofern hat «Die göttliche Ordnung» Symbolcharakter für das hiesige Filmschaffen. Während zu viele Schweizer Filme, die sich eigentlich an Erwachsene richten, genau so herzige Gschichtli erzählen wie der «Schellen-Ursli», besitzt Petra Volpes Komödie universellen Charakter und damit Relevanz. Der Film ist ein Plädoyer nicht nur für Gleichberechtigung, sondern vor allem für den Glauben an die zurzeit immer stärker ins Wanken geratende Demokratie. Er handelt von der Angst vor Veränderung, einem Thema, womit gewisse Staatsmänner zu erfolgreich Politik machen. Der Film führt einem die Rückständigkeit unseres Landes vor Augen, diese geistige Enge, die bis heute nicht überwunden ist. Das ist erschütternd.
 
Auch darum, weil «Die göttliche Ordnung», wie auch «I Am Truly a Drop of Sun on Earth», ein Film ist über Menschen, die Objekte sind statt Subjekte. «Das ist ein Gefühl, das jede Frau kennt», sagt Volpe. Der Wille, dieses Gefühl in Kunst zu verwandeln, verleiht dem Film eine Dringlichkeit, die schon Volpes Drama «Traumland» hatte, und die man auch bei «Köpek» (2015) von Esen Isik spürt, bei «A Good Wife» (2016) von Mirjana Karanovi? und bei jedem Film von Ursula Meier.
 
Männer betreiben Kult um Männer
 
Obwohl Frauen offensichtlich viel zu sagen hätten, realisierten Männer im Jahr 2014 mit 78 Prozent des Budgets 72 Prozent der Filme. Warum? Ivo Kummer, Direktor des Bundesamtes für Kultur, vermutet, dass Frauen eher soziale und zeitgenössische Themen angehen, die nicht so kostenintensiv seien wie beispielsweise Filme in historischen Dekors. Petra Volpe sagt: «Wir machen vielleicht intimere Filme, keine teuren Knallerkisten. Und wir sind so erzogen worden, dass es sich nicht schickt, zu viel zu wollen.»
 
Ein Problem sieht sie in dem seit Jahrzehnten von Filmkritikern entwickelten Kanon, der vorgibt, was gutes Kino zu sein hat: «Es gibt einen Kult um Regisseure, den es um Regisseurinnen nicht gibt. Seit Jahren feiern Männer weltweit immer dieselben Männer ab: Terrence Malick, Alejandro González Iñárritu, Paul Thomas Anderson.» Da würden Superlative gebraucht, die man im Zusammenhang mit Frauen nie höre. So wie jetzt zum im März anlaufenden Historiendrama «Silence» von Martin Scorsese. «Das sind 161 Minuten Langeweile», sagt Volpe. «Ein kleiner Priester hat einen Konflikt, der nicht neu ist, es gehen Hunderte Japaner drauf, für die der Film keinerlei Empathie hat. – Aber es ist halt Scorsese!»
In den neuen Förderkonzepten steht jetzt, dass bei gleicher Qualität Projekte von Frauen bevorzugt werden sollen. Das klingt zwar bevormundend, aber es ist immerhin ein Anfang. Nur wenn die Regisseurinnen die gleichen Chancen bekommen wie ihre Kollegen, dann könnte der Schweizer Film international endlich wieder etwas zu sagen haben.
 
 
Erschienen am 15. Januar 2017 in der NZZ am Sonntag.
(Bild: Filmcoopi)

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