Frauen haben keine Eier

«Divines» von Houda Benyamina ist ein furioses Drama über Banlieue-Girls in Paris.

Du hast Eier» sagt man, um jemanden für seinen Mut zu loben. «Das bekam ich ständig zu hören, während ich dafür kämpfte, meinen Film zu realisieren», erzählte Houda Benyamina (*1980) in einem Interview. «Aber ich bin eine Frau, ich habe keine Eier.» Die französisch-marokkanische Regisseurin kreierte dann eine Redensart, die zu ihr und den Protagonistinnen in ihrem Erstling «Divines» passt: «T’as du clitoris.»

Das sagt Rebecca, die wichtigste Dealerin des Quartiers, eines Tages zu Dounia (Oulaya Amamra). Dounia ist ein Teenager und lebt mit ihrer Mutter in einer Banlieue von Paris. Wer dort aufwächst, hat keine Zukunft, die Kinder von Armen bleiben arm, und obwohl in Frankreich geboren, gehören sie nicht zur Gesellschaft. Dounia will das nicht akzeptieren. Sie trägt eine quälende Wut in sich, weiss aber noch nicht so recht, gegen wen sich diese richten soll. Also ist sie wütend auf alle: auf den Tänzer Djigui (Kevin Mishel), den sie zuerst beim Proben beobachtet und später in ein Spielchen aus Verführung und Zurückweisung verwickelt; auf ihre Mutter, die sie eine Hure nennt; auf ihre Lehrerin. Was sie von ihrem Leben wolle, fragt diese einmal. «Money, money, money», sagt Dounia und imitiert den Rapper Lil Wayne. Aber wenn Kinder aus den Banlieues reich werden wollen, gibt es fast nur einen Weg: die Kriminalität. Die Dealerin Rebecca lenkt auch Dounia auf diesen Pfad; ihre beste Freundin Maimouna, behäbig und gutmütig, das Gegenteil von Dounia, macht mit. Bei ihr weint die Wilde sich aus, nur ihr gegenüber kann sie zugeben, dass sie Angst hat. Die Szenen, in denen die Mädchen sich ihre Zukunft ausmalen, sind wie poetische Ruhepole in diesem sonst so rasanten und energiegeladenen Film über eine Freundschaft, der Elemente eines Thrillers enthält und eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt.

«Divines» ist schwierig einzuordnen, Benyamina ist eine Erzählerin, die fast zu viele Ideen auf einmal umsetzt. Sie möge es nicht, wenn man «Divines» als «Banlieue-Film» bezeichne, sagte sie. Es sei ein Werk über Armut und Ungerechtigkeit. Benyamina kennt das Leben am Rand der Gesellschaft aus eigener Erfahrung. Ihre Eltern kamen in den 1970ern nach Frankreich. Sie sei, wie die Franko-Araber heute, zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. «Das Problem ist, dass es keine Werte gibt, an die man sich halten kann. Man kennt weder die eine noch die andere Kultur richtig.» Also erschaffe man sich eine eigene Identität, eine des Protests. «Aber es ist besser, einen Film zu machen, als eine Bombe zu bauen.»

Wie ihre Protagonistinnen sich fremd fühlen in der eigenen Heimat und mit Wut auf Diskriminierung reagieren, so kämpft die Regisseurin Benyamina um ihren Platz in Frankreichs Filmwelt. «Das Kino ist weiss, bürgerlich und rassistisch», sagte sie einmal. In Cannes, wo «Divines» mit standing ovations gefeiert wurde und die Goldene Kamera gewann, geriet ihre Dankesrede zum Manifest. Benyamina sah dabei aus wie ihre Protagonistin, als sie mit erhobener Faust verkündete: «Cannes gehört auch uns!» Dass sie eingeladen worden sei, verdanke sie der einzigen Frau im Komitee. Edouard Waintrop, dem Kurator, der auf seine Kollegin gehört und den Film eingeladen hat, rief sie zu: «T’as du clit!» Es braucht allerdings nur halb so viel Mut, einen Film von einer Frau über Frauen am Rand der Gesellschaft an ein Festival einzuladen, wie ein solches Werk überhaupt zu realisieren.

 

Erschienen am 4. Dezember 2016 in der NZZ am Sonntag.

(Bild: hollywoodreporter.com)

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