Als ob früher alles besser gewesen wäre

Das Mainstreamkino setzt auf Nostalgie. Warum zahlen wir zurzeit so eifrig Eintritt für Geschichten aus der guten alten Zeit?

Fans von «Friends», der Kult-Sitcom aus den neunziger Jahren, standen diesen Sommer in Los Angeles zwölf Stunden Schlange, um im «Friends»-Café einen «The Rachel»-Matcha-Latte oder «The Monica»-Mokka zu trinken. Auf der Warteliste für einen Besuch des «Friends»-Cafés in New York standen 150000 Namen. Warner Bros., so berichtete «The Hollywood Reporter», hatte sich mit ausgewählten Lokalen zusammengetan, damit Fans für einen Moment in ihrer Lieblingsserie wohnen und auf dem berühmten orangefarbenen Sofa Selfies machen konnten.

Was aussieht wie ein Geschenk an alte Freundinnen und Freunde der Sitcom, ist eine neue Marketingmethode von Produktionshäusern. Diese wissen: Nostalgie verkauft sich. Zurzeit zieht die Liebe zur Vergangenheit mehr denn je: Wenn man sich das Kinoprogramm für diesen Herbst und Winter anschaut, findet man rund 25 Filme, die der Vergangenheit huldigen. – Das gegenwärtige Mainstreamkino gleicht einer Mikrowelle, in der Altes wieder aufgewärmt und uns als Festmahl verkauft wird.

Ein wichtiger Bestandteil dieses Nostalgie-Menus sind Hits aus den vergangenen drei Jahrzehnten, die in Form von Neuverfilmungen oder Fortsetzungen wieder aufgenommen werden. Zurzeit «Star Wars», «Charlie’s Angels» und bald «Dolittle» und «Mulan». Eine Neuverfilmung von «Home Alone» ist angekündigt, ebenso Fortsetzungen u. a. von «Avatar», «Mission Impossible» oder «Top Gun». Was kommt als Nächstes? Das Live-Action-Remake von «Bambi»? Man könnte ein Wettspiel daraus machen.

James Dean lebt

Ebenso wichtig im Menu sind historische Figuren. In «Le Mans 66» verfolgt man das Wettrennen zwischen Ford und Ferrari, und in «The Current War» mit Benedict Cumberbatch und Michael Shannon bald die Rivalitäten zwischen Thomas Edison und George Westinghouse. «Judy» mit Renée Zellweger erzählt von Judy Garlands letzten Konzerten 1968 in London, «The Aeronauts» vom britischen Ballonfahrtpionier James Glaisher, und das Drama «J’accuse» von Roman Polanski bringt im Februar die Affäre Dreyfus von 1894 auf die Leinwand.

Hollywoods Obsession mit der Vergangenheit geht so weit, dass tote Schauspieler mittels computergenerierter Bilder nicht nur für einzelne Szenen wie in «Star Wars» wieder zum Leben erweckt werden, sondern gleich Hauptrollen übernehmen sollen – wie James Dean in «Finding Jack» (2020). Anton Ernst, einer der Regisseure, sagte, man habe monatelang nach einem passenden Schauspieler gesucht und sich schliesslich für den Toten entschieden. Dean wird einen Überlebenden des ­Vietnamkriegs spielen.

Krieg ist sehr beliebt im jetzigen Mikrowellen-Kino. Als ob der Westen sich seiner alten Stärke versichern müsste. In «Midway» poliert Roland Emmerich die Revanche der USA an Japan nach dem Angriff auf Pearl Harbor auf Hochglanz. Im Zweiten Weltkrieg spielen ausserdem das Drama «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» von Caroline Link, «Jojo Rabbit», eine bizarre und je nach Sichtweise verharmlosende Nazi-Satire von Taika Waititi, oder «A Hidden Life» von Terrence Malick, der von einem Mann handelt, der sich Hitler nicht unterwerfen will. «1917» von Sam Mendes (Start am 16. Januar) wiederum erzählt von zwei britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg, die Kameraden jenseits der Feindeslinie eine Botschaft überbringen müssen, um ein Massaker zu verhindern. Das Drama ist ein formales Experiment, es kommt ohne Schnitt aus. Weil die subjektive Kamera den Blick der Zuschauer führt, befindet man sich von Anfang bis Schluss mittendrin.

Das gibt anfänglich einen guten Eindruck von der Grausamkeit dieses Krieges, aber je länger der Film dauert, desto mehr erinnert das Geschehen an einen Hindernislauf wie aus «Indiana Jones». Schuld ist die Inszenierung: Diese orientiert sich offensichtlich an den Sehgewohnheiten, die an Superheldenfilmen geschult worden sind. Das wird gegen Schluss von «1917» auf unfreiwillig komische Weise evident, als der Held, der schlimmste Strapazen überlebt hat, über ein Schlachtfeld rennt, hinter ihm schlagen die Granaten ein, aber er hat kaum einen Kratzer im Gesicht: Der Kriegsheld als Superman.

Besonders in den Filmen über die Weltkriege – von denen man naturgemäss im Voraus weiss, wie sie ausgehen, und die üblicherweise von Heldentum und Kameradschaft handeln und oft das Töten im Namen des Vaterlands verherrlichen –, fällt einem als Zuschauerin die Identifikation mit den Handelnden schwer. Nicht nur dann, wenn einem die Faszination für Schlachten fehlt, sondern mehr noch deshalb, weil Regisseure von Ereignissen erzählen, die Jahrzehnte zurückliegen, ohne einen Bezug zur Realität herzustellen. Das Kino wird zur Zeitkapsel. Es ist Nostalgie um der Nostalgie willen. Wobei es aber nicht um Authentizität geht, werden die Bilder von der Vergangenheit doch an die Sehgewohnheiten der Gegenwart angepasst.

Zeitreisen sind dann interessant, wenn der Blick in die Vergangenheit Bezüge zur Gegenwart herzustellen vermag. Das leisten vorwiegend diejenigen Werke, die zwar in der Vergangenheit angesiedelt sind, aber fiktive Geschichten erzählen und darum über die Freiheit verfügen, die Gegenwart im Vergangenen zu reflektieren. So wie beispielsweise der Krimi «Motherless Brooklyn» von Edward Norton. In den korrupten Mächtigen aus dem New York der fünfziger Jahre, die im Namen des Wachstums verantwortlich sind für die Entvölkerung ganzer Quartiere, erkennt man leicht Immobilien-Magnaten von heute, die Norton auch kritisiert.

Romanfigur als Vorbild

«Little Women» von Greta Gerwig (ab 30.Januar) ist eine neue Verfilmung des Romans von Louisa May Alcott und doch mehr als das. Gerwig hat den Klassiker angereichert mit biografischen Elementen aus dem Leben der Autorin. «Little Women» spielt zwar in einer idealisierten alten Welt, aber weil die Hauptfigur Jo (Saoirse Ronan) sich gegen die Konventionen zur Wehr setzt, denen sich junge Frauen damals zu beugen hatten, und stattdessen Schriftstellerin sein will, ist sie ein Vorbild für heutige Zuschauerinnen.

Quentin Tarantino hat uns diesen Sommer mit «Once Upon A Time in Hollywood» vor Augen geführt, wie gewaltgeil wir geworden sind – auch dank seinem Zutun –, indem er uns zwei Stunden lang auf den Mord an Sharon Tate (Margot Robbie) warten liess. Ausserdem reflektierte er mit seiner Satire das damals nahende Ende des klassischen Hollywood; die Zeit also, kurz bevor junge Regisseure kamen, die sich wie ihre Vorbilder der französischen Nouvelle vague als auteurs verstanden und an den Genre-Konventionen vorbei noch nie Gesehenes ins Kino brachten. «Bonnie and Clyde» von Arthur Penn und «The Graduate» von Mike Nichols markierten 1967 den Anfang des New Hollywood.

Rückzug vor der Welt

Angesichts der kreativen Mutlosigkeit des heutigen Hollywood wünscht man sich, selbst nostalgisch geworden, solche Werke zurück, die nicht für Déjà-vus, sondern für Aufregung sorgen.

Diese Masse von Filmen, die uns entweder mit Historischem oder mit all den Wiederholungen und Fortsetzungen von Altbe­kanntem anzulocken versuchen, würde uns wenig kümmern, wenn sie nicht aus ­Häusernstammten, die mächtig genug sind, um im Kinoprogramm den meist interessanteren und relevanteren Independent-Produktionen den Platz wegzunehmen. Aber warum sollte die Filmindustrie das finanzielle Risiko eingehen und auf Neues setzen, solange wir so eifrig Eintritt zahlen für Geschichten aus der guten alten Zeit? Es ist bezeichnend, dass der Rückzug zu vertrauten Stoffen ausgerechnet in den Jahren so populär wurde, in denen die alte Ordnung global durcheinandergebracht wurde und wird, vom Arabischen Frühling über #MeToo zur Klimabewegung bis zu den rund um den Globus stattfindenden Protesten.

Natürlich ist das Kino der Ort für Eskapismus. Und natürlich ist Nostalgie ein schönes Gefühl, aber auch ein trügerisches. Das muss Victor (Daniel Auteuil) in der Komödie «La belle époque» erfahren, die man als Symbol für den Zustand des derzeitigen Mainstreamkinos sehen kann: Victor unternimmt in authentischem Setting und umgeben von Schauspielprofis eine Zeitreise zurück in die siebziger Jahre, um den Moment nochmals zu erleben, in dem er seine Frau kennengelernt hat. Bald muss er aber einsehen, dass es kein echtes Leben gibt zwischen Kulissen. Wer in der und von der Vergangenheit lebt, entwickelt sich nicht weiter.


 

Erschienen am 28. Dezember 2019 auf nzzas.ch

(Bild: Universal)

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