Chloé Zhao: Der Western gehört ihr

Die Regisseurin von «Nomadland» – dem Oscar-Favoriten – gehört zu den bedeutendsten Filmemacherinnen der Gegenwart. In ihren früheren Werken, «Songs My Brothers Taught Me» und «The Rider», ist bereits alles angelegt, was das Kino der gebürtigen Chinesin ausmacht.

Sie stammt aus einem riesigen Land, in dem es keine Freiheit gibt. Sie verliess es, als sie 15 war, als ihre Eltern sie an eine englische Privatschule schickten. Später zog sie weiter in die USA und studierte Film an der Tisch School of the Arts in New York.

Jetzt dreht Chloé Zhao in der Weite Amerikas Filme, die von Menschen erzählen, die als Cowboys, Rodeoreiter oder Wanderarbeiterinnen scheinbar den uramerikanischen Traum von Freiheit leben. Nur – frei sind sie nicht. Ihre Herkunft, die Armut oder manchmal pures Pech zwingen sie an Orte und in ein Leben, dem sie nicht entkommen können.

Die Sehnsucht nach Freiheit und die Frage, was Heimat bedeutet, sind die Themen, um die es in den drei Spielfilmen der 39-jährigen chinesischen Regisseurin geht. «Nomadland», ihr neuestes Werk, ist dieses Jahr der Oscar-Favorit.

Das Drama erzählt von Fran (Frances McDormand), die nach dem Tod ihres Mannes und dem wirtschaftlichen Niedergang ihrer Heimatstadt zur Nomadin wird. Nach und nach lernt die Einzelgängerin eine lose zusammenhängende Gruppe von Menschen kennen, die schon seit Jahren in ihren Wohnmobilen quer durchs Land ihren Gelegenheitsjobs nachreisen.

Es ist noch nicht klar, wann «Nomadland» in der Schweiz anlaufen wird. Bis es so weit ist, lohnt es sich sehr, sich mit Chloé Zhaos bisherigem Werk auseinanderzusetzen. Ihr Debüt «Songs My Brothers Taught Me» (2015) und «The Rider» (2017) sind als Streams verfügbar.

«Songs My Brother Taught Me» (Mubi.com) erzählt von den Geschwistern Johnny (John Reddy) und Jashaun (Jashaun St. John), die im Reservat der Lakota-Sioux in South Dakota leben.

Johnny will nach seinem Schulabschluss zusammen mit seiner Freundin nach Los Angeles ziehen, um dort Arbeit zu suchen. Was für eine, ist egal. Hauptsache, er entkommt dem Leben im Reservat, wo der Alkoholismus Familien zerstört und es für junge Leute wenig Perspektiven gibt. Aber dann stirbt sein Vater, und Johnny steht vor der Frage, ob er seine Mutter und seine kleine Schwester Jashaun allein zurücklassen kann.

Alles, was Chloé Zhaos Kino ausmacht, ist in ihrem Debüt bereits angelegt: die Arbeit mit Laiendarstellern, die fiktionalisierte Versionen ihrer selbst spielen. Die Not, Einsamkeit und Ausweglosigkeit inmitten der schönen und weiten Landschaft. Zhaos Nüchternheit im Inszenieren bei gleichzeitigem Feingefühl für ihre Figuren. Die Zeit, die sie ihren Geschichten lässt, um sich zu entfalten.

«Songs My Brothers Taught Me» ist wie die Skizze für ihren zweiten Film, «The Rider» (auf Cinefile.ch und Myfilm.ch). Das Drama ist inspiriert vom Lakota-Cowboy Brady Jandreau, den Chloé Zhao während der monatelangen Recherche für ihren Debütfilm kennengelernt hat. Sie war so angetan von seiner Geschichte, dass sie das Drehbuch für ihn schrieb.

«The Rider», Zhaos bester Film bisher, erzählt vom Cowboy Brady Blackburn (Brady Jandreau), der statt durch die Weiten der Prärie eine Reise durch sein Inneres antritt. Nicht weil er will, sondern weil er sich bei einem Sturz beim Rodeo schwere Kopfverletzungen zugezogen hat. Er erholt sich zwar, aber die Ärzte verbieten ihm, jemals wieder an Wettkämpfen teilzunehmen.

Das kann der junge Mann ohne Ausbildung nur schwer akzeptieren, Pferde und Rodeo sind sein Leben. Er hat keine Ahnung, was er jetzt mit sich anfangen und wie er für seine Familie Geld verdienen soll.

«The Rider» ist ein Western, der ohne Westernklischees auskommt. Statt eines patriotischen Idylls zeigt Zhao die oft brutale Realität des Lebens als Cowboy. Manches ist zwar fiktionalisiert, aber durch die Inszenierung und weil die Nebenrollen mit Jandreaus Familienmitgliedern und Freunden besetzt sind und in vielen Szenen improvisiert wird, bekommt «The Rider» die Dringlichkeit eines Dokumentarfilms.

Erfolg in Cannes, Zensur in China

Das Cowboy-Drama lief in Cannes in der Sektion Quinzaine des Réalisateurs, wie zuvor auch schon «Songs My Brothers Taught Me», und wurde mit dem Art Cinema Award ausgezeichnet. Es ist nur einer in einer ganzen Reihe von Preisen. «Nomadland» wurde diesen Januar für sechs Oscars nominiert, und im Februar gewann Zhao einen Golden Globe für beste Regie – als zweite Frau in der Geschichte der Golden Globes, als erste Regisseurin chinesischer Herkunft.

Auf Weibo, der chinesischen Social-Media-Plattform, feierten 280 Millionen Nutzerinnen und Nutzer den historischen Preis. Aber bald entstand eine Kontroverse um Kommentare, in denen viele es bedauerten, dass Zhao wegen der enorm strengen Zensur so einen Film über China niemals hätte realisieren können. Das passte den Nationalisten nicht.

Auch Chinas staatlich kontrollierte Medien versuchten zunächst, Zhaos Erfolg als Erfolg Chinas darzustellen, aber dann wurden online alte, scheinbar chinakritische Aussagen der Regisseurin herumgereicht. Die Folge: Seit 5. März 2021 zensiert die chinesische Regierung die Erwähnung von «Nomadland» im Internet. Auch Hinweise auf einen Filmstart in China, der für April geplant ist, verschwanden.

Was man in China über sie denkt, dürfte Zhao wenig kümmern. Und ein Oscar am 26. April wären ein schöner nächster Höhepunkt in ihrer Karriere. Aber die zurzeit wichtigste Auszeichnung in Hollywood hat sie bereits 2018 erhalten: einen Vertrag mit Marvel. Chloé Zhao führte Regie bei «Eternals», der Saga über eine uralte Gruppe von Aliens. Der 26. Marvel-Film schliesst an «Avengers: Endgame» an und soll im November 2021 anlaufen.

Kurz vor Marvel – das zu Disney gehört – hatte auch Amazon beschlossen, ein wenig von Chloé Zhaos Ruhm einzuheimsen zu wollen, und gab bei ihr einen Biografiefilm über Bass Reeves in Auftrag. Es soll ein Western werden über Amerikas ersten schwarzen Polizisten.

Zhao schreibt das Drehbuch über den Mann, der 1838 als Sohn von Sklaven geboren wurde, selbst. So bleibt ein wenig Hoffnung, dass sie trotz diesem super-kommerziellen Auftraggeber ihre kreative Freiheit behalten und ihre Handschrift weiterentwickeln kann, die ihre Independent-Produktionen, gedreht mit Minibudget, so aussergewöhnlich machen.

 

Zuerst erschienen am 15.4.2021 in der «NZZ am Sonntag». (Bild: Imdb)

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