Das 3rd Echelon Theater fordert Zürich heraus

Keine Bühne, kein Geld? Das 3rd Echelon Theater spielt trotzdem. Mal in Kellern, mal auf dem Friedhof. Was es inszeniert, ist besser als vieles an den grossen Häusern. Damit stellt dieses junge Theater den geförderten Kulturbetrieb infrage.

Die einen machen Theater, weil es Kulturförderung gibt. Daniil Posazhennikov und Regina Raimjanova vom 3rd Echelon Theater hingegen spielen, weil sie nicht anders können. Von ihnen bekommt man keine Kunst-Phrasen zu hören wie «Komplexität der Subjektivität», sie erproben auch keine «Praktiken des Miteinanders». Stattdessen gibt es Theater zu sehen, das vielem, was man an den grossen Häusern sieht, an Intensität überlegen ist.

Dabei arbeiten sie mit knappstem Budget. Sie spielen nicht auf Bühnen, sondern wo immer sie einen Platz finden. Mal ist es ein Keller in einer Zwischennutzung, im Frühling war es eine alte Schreinerei, wo sie «Die Zecke» aufführten, ihr bisher bestes Stück.

Es handelt von Gewalt, welcher Art, ist dem Publikum selbst zur Deutung überlassen. Dieser nackte Raum aus Beton, der im Lauf des Stücks mit schwarzer Folie ausgekleidet und in eine Höhle – oder Hölle? – verwandelt wird; dieses physische Erzählen, der abstrakte Gesang, die Verfremdungen durch Video- und Lichteffekte, der gesprochene Text aus dem Off übers Kochen als grotesker Kontrast zur Gewalt . . . Das alles greift einen an und wirkt lange nach. Regina Raimjanova, die im Gespräch schüchtern wirkt, hat beim Spielen ein raumfüllendes Charisma. Ihr spastischer Ringkampf gegen eine unsichtbare Kraft raubt einem den Atem.

Posazhennikov und Raimjanova studieren beide noch an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Er mit Exzellenzstipendium im Masterstudiengang Theater, sie Schauspiel. Gerade hat sie für ihre Bachelor-Performance einen Preis der Schule gewonnen.

Mit nettem Studi-Theater hat das 3rd Echelon Theater aber nichts zu tun. Das weiss, wer im Juni 2024 beim alten Krematorium auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld, unter freiem Himmel und umweht von künstlichen Nebelschwaden, bei der Premiere ihres ersten Stücks, «La-men-to», mit dabei war. Posazhennikov nennt es eine «dekonstruierte Pseudo-Barockoper». Nachdem der Applaus verklungen war, sagte er, sichtlich erleichtert darüber, dass sich tatsächlich ein Publikum versammelt hatte: «Wenn uns jemand tausend Franken geben würde, würden wir sofort das nächste Stück aufführen . . . Und wenn nicht, dann machen wir trotzdem weiter.» So kam es auch.

Keine Cüpli-Kunst

Das 3rd Echelon Theater ist ein glücklicher Sonderfall für jene, die Kultur nicht mit Cüpli assoziieren und von einem Theater mehr erwarten als wiederkehrende Neuinterpretationen von Dürrenmatt bis Shakespeare. Auch mehr als zeitgeistig didaktisches Betroffenheits- und Polittheater wie am vergangenen Theaterspektakel oder in Stücken wie «Liebes Arschloch» 2023 am Schauspielhaus, einer #MeToo-Lektion nach Virginie Despentes’ Roman voll überdeutlicher Symbolik.

Daniil Posazhennikov, der Regisseur und Komponist, Dramaturg und Musiker, 1994 im sibirischen Nowokusnezk geboren und seit Anfang 2022 in der Schweiz, inszeniert keine bestehenden Texte. Seine Stücke seien sein Dialog mit der Welt, erklärt er eines Nachmittags im Sommer. Er halte sich an Ludwig Wittgensteins Diktum: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen», hat das aber so für sich umgedeutet: «Ich kann nicht in Worten sagen, was ich fühle. Also kreiere ich ein Stück. Es ist meine Art des Existierens.»

Das könnte affektierter Kunst-Sprech sein, aber Posazhennikov ist jemand, für den die Kommunikation über Musik und Theater tatsächlich existenziell ist. Wann immer ihm etwas den Schlaf raubt, sagt er: «Daraus mache ich ein Stück.» Zurzeit arbeitet er an einem, das sich um die gewaltsame Erfahrung dreht, in eine Welt hineingeboren zu werden, die jemand anderem gehört. Das sei ein Thema, das sich durch alle seine Produktionen ziehe, sagt er.

Überall diese Bürokratie

Auf Personen wie die beiden zu treffen, ist ungewohnt. In der Schweiz geht es bei Diskussionen in der Kulturszene oft vor allem erst um Geld und dann um Inhalte. Kreativität wird hier verwaltet, nicht mit Leidenschaft gelebt. Überall Formulare, Reglemente, Checklisten. Und wehe, man macht einen Formfehler bei der Eingabe, dann lehnt die Förderstelle den Antrag ab.

Diese Bürokratie, «die nicht nur uns, sondern auch Schweizerinnen und Schweizern zu schaffen macht», schreckte sie ab. Und so beschlossen Raimjanova und Posazhennikov, der geplagt wird von der Angst, seine Zeit zu verschwenden, ein Experiment zu wagen: «Als wir anfingen, in Zürich ins Theater zu gehen, trafen wir oft halbleere Säle an. Das sollte uns nicht passieren», sagt Raimjanova.

«Statt uns mit komplizierten Förderanträgen aufzuhalten, wollten wir lieber schreiben, proben und herausfinden, ob wir hier ein Publikum finden.» Geld nehmen sie über eine Kollekte ein, und jüngst glückte eine Crowdfunding-Kampagne. Um Subventionen wollen sie sich erst dann bemühen, «wenn wir wissen, dass es Leute gibt, die unsere Kunst sehen möchten», erklärt Posazhennikov.

Es soll hier nicht behauptet werden, Theater könne auch ohne Fördergelder funktionieren. Das geht schon aus logistischen Gründen nicht. Aber die Arbeitsweise des 3rd Echelon Theater provoziert Fragen: Ist es wirklich sinnvoll, möglichst vielen ein bisschen von den Subventionen abzugeben? Sind die Kriterien, wie über Förderung entschieden wird, die richtigen? Und ist dieses bürokratische Auswahlverfahren nicht falsch?

Es geht um Kunst, aber Gesuche werden schriftlich eingereicht, ob bei Bund, Kantonen oder Stiftungen. Tanz- und Theatergruppen müssen von den Fachkommissionen immerhin visioniert werden – was voraussetzt, dass man etwas Bestehendes vorzuweisen hat. Das Fördersystem scheint darauf ausgerichtet zu sein, die bestehende Szene am Leben zu erhalten. Wer sich am besten verkauft und Erwartungen erfüllt, ist im Vorteil. Nonkonforme Newcomer hingegen bringen es an seine Grenzen.

Weil Posazhennikov und Raimjanova überfordert waren mit all den Formularen, schrieben sie zahllose Briefe an alle möglichen Stiftungen. «Wir luden sie ein, sich unsere Stücke anzusehen. Wenn sie uns interessant finden, würden wir Fördergesuche einreichen», erzählt Raimjanova. «Aber niemand kam.»

Auch vom Stiftungsrat der ZHdK, der die Exzellenzstipendien vergibt, hat sich nie jemand eine ihrer Aufführungen angeschaut. Die Schule merkt dazu an, der Stiftungsrat verfolge «die Entwicklung der Geförderten aufmerksam», aber ohne zu verraten, wie. Stattdessen der Hinweis aufs Ehrenamt. Die Arbeit für die Stiftung erfolge «zusätzlich zu jeweiligen beruflichen Verpflichtungen». Es fehlt die Zeit, um sich anzuschauen, wem man Geld gesprochen hat.

Dass sich die Kreativität der Bürokratie unterzuordnen hat, leuchtet Posazhennikov und Raimjanova nicht ein. Kein Wunder. Sie sind Besessene. Raimjanova wusste schon als Kind, dass sie Schauspielerin werden will, bewarb sich mit 18 zuerst in Moskau an der Schauspielschule, aber wurde abgelehnt. «Daraufhin hat mein Vater mir die Schauspielerei verboten», erzählt sie. Aber sie zog weiter nach Deutschland, gab nicht auf und wurde schliesslich an der ZHdK angenommen. Ihre Eltern glauben bis heute, die Tochter studiere Journalismus.

In Wahrheit lernte sie in der Schweiz Daniil Posazhennikov kennen. Er, der damals in Sibirien als Wunderkind galt und sich seit 2017 mit seiner Musiktheaterkompanie Geometry of Sound verausgabt hatte, beschloss eines Tages, aus Moskau zu verlassen. «Ich musste mich vor mir selbst retten», sagt der Workaholic. Gemeinsam mit seiner damaligen Co-Autorin Anna Kostrikova hatte er über vierzig Stücke inszeniert, an allen grossen Häusern Moskaus, an Festivals gespielt und Preise gewonnen. Posazhennikov, der Perfektionist und Kontrollfreak, hatte die Verantwortung für verschiedene Ensembles, leitete Teams von vierzig bis hundert Personen. Bis er irgendwann nicht mehr konnte.

«Ich googelte nach Masterstudiengängen in Europa und dachte, ich versuche es in der Schweiz, weil ich schon einige Male hier war.» Dies war auf Einladung von namhaften Institutionen geschehen, wie dem Lucerne Festival, dem Ensemble Phoenix oder Pro Helvetia. 2021 reichte er seine Bewerbung bei der ZHdK ein und wurde angenommen.

Ausgebremst vom Schulreglement

Aber dann: die Bürokratie. Posazhennikov, zu dessen Leistungsausweis auch eine Inszenierung an der Biennale Venedig gehört, kam mit dem Plan an die ZHdK, sich als Künstler weiterzuentwickeln und herauszufinden, wie er seine Erfahrungen in der Schweiz anwenden könnte. Darum war er mit der Schule übereingekommen, seine Abschlussarbeit anders gestalten zu dürfen. Als Forschungsprojekt, basierend auf der Gründung des 3rd Echelon Theater. Die Schule willigte ein, tranchenweise Geld zu sprechen statt des einmaligen Betrags für das Schlussprojekt. Aber dann wurde das Reglement geändert, und die Abmachung galt nicht mehr. Es folgte ein sechsmonatiger Konflikt.

Warum steht an einer Kunsthochschule Bürokratie vor Kreativität? Ramona Mosse, Studienleiterin Theater, weist darauf hin, dass sie «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes» nicht detailliert auf den Sachverhalt eingehen könne. «Wir sind als Hochschule unserem Bildungsauftrag verpflichtet und handeln dabei im Rahmen einer entsprechenden Studienordnung. Werden bestimmte Leistungsanforderungen nicht erbracht, müssen wir darauf hinweisen und diese zur Erlangung der Studienprogression sicherstellen.»

Aber wenn sich ausgerechnet das Schulreglement der «Erlangung der Studienprogression» in den Weg stellt? Das wolle er jetzt hinter sich lassen, sagt Posazhennikov. Er hege keinen Groll. «Ich verarbeite das in einem Stück», sagt er. «Weil so viele unangenehme Dinge passiert sind, war meine Zeit in der Schweiz extrem produktiv. Ich habe in den letzten zwei Jahren mindestens 25 Ideen für neue Inszenierungen in meinem Notizheft gesammelt.»

«Leider kein Platz», sagt die Oper

Nach einem Jahr sieht es nun so aus, als ob ihr Experiment glücken würde. Es gibt Leute, die ihre Kunst sehen wollen. Mittlerweile auch ihre Kommilitonen. Doch dieser Erfolg stellt das Theater vors nächste Problem: Wo inszenieren fürs wachsende Publikum? Die Miete darf nicht hoch und alles muss feuerpolizeilich legal sein. Solche Räume sind rar in Zürich. Eine Mäzenin finden, die ihnen ein leerstehendes Haus zur Verfügung stellt? Schwierig.

Aber was ist mit den teuer subventionierten Institutionen Schauspielhaus, Opernhaus und Kunsthaus, die gerne beteuern, man wolle für alle offen sein? Könnten sie sich vorstellen, so ein Theater temporär zu beherbergen?

Das Schauspielhaus empfindet «die Förderung der freien Szene als essenziell für die Stadt», aber leider seien Haus und Personal vollständig ausgelastet. Auch die Oper entschuldigt sich. Man leide seit Jahren unter Platzmangel. Selbst für die eigenen Proben- und Arbeitsprozesse reichten die Flächen nicht aus. Das Kunsthaus meint, es fehlten die «geeigneten Flächen». Man sei «wegen langfristiger Planung und aus Sicherheitsgründen» wenig flexibel. Es wäre aber denkbar, «dies bei einer Anfrage intern zu prüfen».

Das Problem mit dem 3rd Echelon Theater ist aber, dass es nicht langfristig plant. Weil Posazhennikov seine Inszenierungen probend entwickelt, gleichen seine Stücke eher lebendigen Organismen als starren Gebilden. Immer dann, wenn sie bereit sind, kündet es auf Instagram die nächste Vorstellung an.

«Alles, was wir brauchen, ist ein Raum» ist der Satz, den Posazhennikov deshalb seit einem Jahr immer wieder sagt. Ein Raum ist eine Voraussetzung ist, um sich bei Fonds und Stiftungen um Fördergelder zu bewerben. Das wollen sie nun versuchen.

Laut Checklisten, die man dafür ausfüllt, gelten sie als marginalisierte Personen. Könnte das ein Vorteil sein? «Wir wollen keine Fördergelder bekommen, nur weil Russland und Usbekistan Drittstaaten genannt werden, und wir machen auch kein Migrationstheater», sagt Posazhennikov. «Wir wollen uns weder ein Label ankleben noch uns auf eines reduzieren lassen.»

Ihr Name, 3rd Echelon Theater, sei ein humoristischer Seitenhieb darauf, dass sie in Europa wie «solche aus der dritten Reihe» wahrgenommen werden: als «ein bisschen minderwertig», meint Raimjanova. «Aber der Name ist nicht so wichtig. Unsere Arbeit muss gut sein. Wir wollen zeigen, dass man einfach machen kann, auch ohne Festanstellung an Institutionen. Aber von nichts kommt nichts.»

Auch das ist keine Floskel. Denn für Posazhennikov und Raimjanova hängt die Zukunft von ihrer Leistung ab. Sie erklärt: «Während solche, die hier aufgewachsen sind, in Ruhe studieren und sich dann auf Jobsuche machen können, stehen wir unter Druck. Mit den Diplomen laufen unsere Studentenvisa aus.» Um weitermachen zu können, müssen wir irgendwie ein neues Visum bekommen.» Kaum entdeckt, könnte das 3rd Echelon Theater der Stadt wieder verlorengehen.



Am 4. 10. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Echonyx