Das Disney-Dilemma

Die Hauptdarstellerin im «Mulan»-Remake unterstützt Hongkongs Polizei. Jetzt muss Disney tun, was es nie wollte: Sich für oder gegen China positionieren.

«Auch ich unterstütze Hongkongs Polizei», schrieb die chinesisch-amerikanische Schauspielerin Chrystal alias Yifei Liu Mitte August auf Weibo, der chinesischen Version von Twitter.

Sie kommentierte damit den Post eines Reporters, der geschrieben hatte: «Ich bin auf der Seite von Hongkongs Polizei. Ihr könnt mich jetzt schlagen. Was für eine Schande für Hongkong.» Lius persönliche Meinung würde wohl nur wenige kümmern, wenn sie nicht die Hauptrolle im Remake des Disney-Trickfilms «Mulan» spielte, der im März im Kino anlaufen soll.

Sie mimt darin eine Freiheitskämpferin, die, statt sich verheiraten zu lassen, an ihres Vaters Stelle in die Armee eintritt und ihr Land gegen den drohenden Einfall der Hunnen verteidigt. In der Trickfilmvorlage von 1998 erledigt Mulan dank ihrem kriegerischen Talent die Feinde mehr oder weniger allein und wird zur Nationalheldin.

Dass sich Liu mit ihrer Aussage auf die Seite einer Regierung stellt, gegen die viele Hongkonger seit Juni wegen eines neuen Auslieferungsgesetzes demonstrieren, kam schlecht an.

Auf Social Media manifestiert sich die Empörung unter #BoycottMulan: «Wie kann sie Hongkongs Polizei und eine Regierung unterstützen, die Demonstranten mit Gewalt begegnen, während sie als US-Bürgerin Freiheit und den Schutz der Menschenrechte geniesst?», fragt jemand. Eine andere Person findet: «Die echte Mulan sollte für Freiheit kämpfen, statt Kommunisten zu unterstützen.»

Disney schweigt bis jetzt, bekam aber wenige Tage nach Lius Post Unterstützung von unerwarteter Seite: Obwohl China sich mit den USA in einem Handelskrieg befindet, liess das chinesische Parteiorgan «Global Times» verlauten, wer zum Boykott von «Mulan» aufrufe, sei chinafeindlich, verübe Cyber-Gewalt, sei ideologisch verblendet und paranoid und wolle Chinafreunden ihr Recht auf Redefreiheit absprechen.

China unterstützt Disney

Die Zeitung versucht seither mit #SupportMulan auf Twitter eine Gegenbewegung zu den Boykottaufrufen zu lancieren. Es ist allerdings auffällig, dass viele der angeblichen Verfechter von «Mulan» der Plattform erst diesen August beigetreten sind und pro Tag auffällig viele und einander gleichende Tweets zu #SupportMulan absetzen.

Das sind Indizien dafür, dass es sich bei den Mulan-Freunden weniger um Menschen als um sogenannte Bots handelt, also eine künstliche Intelligenz, die solche Posts generiert. Inzwischen sollen knapp 1000 solcher Accounts von Twitter gelöscht worden sein.

Für die Bots spricht ausserdem, dass Twitter in China gesperrt ist und die Bevölkerung – abgesehen von im Ausland lebenden Chinesen – gar nichts mitbekommt von diesem Hashtag-Streit.

Es geht dabei auch weniger um China als vielmehr um das Verhalten der Walt Disney Company. Denn Chrystal Liu hat das mächtigste Filmstudio der Welt mit ihrer Äusserung in ein moralisches Dilemma gestürzt.

Ausgerechnet Disney, die Firma, die bekannt ist für ihre betont unpolitischen Inhalte, muss jetzt Position beziehen und die unangenehme Frage beantworten, was ihr wichtiger ist: Einspielergebnisse oder das Bekenntnis zum Kampf für Demokratie und Menschenrechte?

Wenn Disney weiterhin schweigt, nimmt der Konzern in Kauf, dass dieses Schweigen als Parteinahme für China ausgelegt wird und «Mulan» deswegen weltweit an Publikum einbüsst. Man wolle keinen Film sehen mit einer Schauspielerin, die ein totalitäres Regime und Polizeigewalt unterstütze, sind sich die #BoycottMulan-Anhänger einig.

Sollte Disney Chrystal Liu hingegen für ihre Aussage kritisieren oder sie sogar aus dem Film entfernen, wie es online auch gefordert wird, könnte das zur Folge haben, dass «Mulan» in China verboten wird. Das würde 1,4 Milliarden weniger Eintritte bedeuten.

Die «Global Times» hat wohl recht, wenn sie schreibt, Disney könne es sich nicht leisten, «die Gefühle der Chinesen zu missachten», weil es sehr unwahrscheinlich sei, dass die Firma diesen riesigen Markt aufgeben werde.

Tatsächlich stammen laut «The Hollywood Reporter» 12 Prozent der Einnahmen, die Disney mit seinen zehn wichtigsten Filmen gemacht hat, aus China. Von den 2,8  Milliarden Dollar, die «Avengers: Endgame» weltweit eingespielt hat, stammen 22  Prozent aus China, das damit mehr zum Erfolg des Films beigetragen hat als das Publikum in den USA.

Da bleibt nicht viel Inhalt übrig

Hinweise darauf, dass Disney sich mit «Mulan» den Vorlieben des chinesischen Kinopublikums anpasst, gibt es bereits im Trailer. Während die Remakes von «Aladdin» und «The Lion King» sich noch stark an den Trickfilmvorlagen orientiert hatten, gleichen die Bilder von «Mulan» mehr einem Wuxiu-Film als einem Märchen. Mushu, der kleine Drache mit dem grossen Maul und Beschützer der Heldin, fehlt. Und auch die Lieder wurden gestrichen.

Die Frage ist, wie sich die Rücksichtnahme auf die Vorlieben des chinesischen Publikums auf Ästhetik und Inhalte von künftigen Disney-Filmen auswirken wird. Wenn Hollywoods Prüderie künftig mit den Vorlieben des chinesischen Publikums für Action mit möglichst simplen und sparsamen Dialogen gepaart werden muss, bleibt an interessanten Inhalten nicht mehr viel übrig.


 

Erschienen am 2. September 2019 auf nzzas.ch

(Bild: Disney)

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