Der Herbst der leidenden Männer
Ob im Kino oder auf Netflix, der an sich und der Welt leidende Mann liegt im Trend. Aber keine der zahlreichen Produktionen ist gut. Auch im Film herrscht Ratlosigkeit darüber, was ein Mann sein soll.
Wenn uns das vergangene Zurich Film Festival etwas gelehrt hat, dann, dass dies der Herbst der leidenden Männer wird. In der Gala-Sektion liefen etliche Filme, die von alternden Herren in Krisen erzählen. Was auffiel: Die meisten dieser Filme sind nicht gut. Es ist, als ob sich die Orientierungslosigkeit angesichts der gesellschaftlichen Verschiebungen auf die Erzählweise der Filmemacher niederschlagen würde.
Auch auf den Schweizer Regisseur Stefan Haupt, der sich an den Roman «Stiller» von Max Frisch herangewagt hat. Frisch verhandelt darin mit viel Aufwand Fragen nach der Bedeutung von Identität, dem Zustandekommen oder Zugeschrieben-Bekommen derselben.
In der Verfilmung von Stefan Haupt allerdings dienen diese Fragen nur als Kulisse für etwas, das ein bisschen Krimi und ein bisschen viel Liebesgeschichte ist. Einmal jene zwischen Mr. White (Albrecht Schuch) und Julika (Paula Beer) und einmal zwischen Anatol Stiller (Sven Schelker), Julika und seiner Geliebten Sibylle (Marie Leuenberger).
Blasses Fernsehspiel
Durch diese Vereinfachung der Romanvorlage auf die Liebesgeschichten und indem Haupt den Künstler Anatol und den Rückkehrer Mr. White von zwei verschiedenen Darstellern spielen lässt, durchtrennt er Frischs literarischem Verwirrspiel um Identitäten schon früh im Film die Hauptschlagader. Haupt lässt den Roman ausbluten zum blassen Fernsehspiel und erdrückt es mit melodramatischer Orchestermusik.
Die Ausstattung ist schön und die Besetzung herausragend. Aber insbesondere Albrecht Schuch und Paula Beer sind zu gross für dieses Drehbuch, das den Mut nicht aufbringt, Stiller als den unsympathischen Narzissten zu zeigen, wie Frisch ihn entworfen hat. Stattdessen werden die Frauenfiguren in Anbiederung an den Zeitgeist zu starken Persönlichkeiten umgeformt. Aber wozu, wo doch die Schwäche von Frischs Protagonist das eigentliche grosse Thema der Gegenwart träfe?
Im Grunde hat Max Frisch 1954 die zurzeit vieldiskutierte Männlichkeitskrise vorweggenommen mit seinem neurotischen Künstler Anatol Stiller, der überzeugt ist, als Mann nicht zu genügen, abtaucht und Jahre später als Mr. White zurückkehrt, seine frühere Identität verleugnet und den Schweizer Behörden dadurch viel Arbeit beschert.
«Stiller scheint wirklich der Inbegriff einer männlichen Mimose gewesen zu sein», sagt er, der von sich behauptet, nicht Stiller zu sein, im Roman über sein früheres Ich. Diese in Selbstmitleid versinkende Figur nervt, die eingebildete Unmännlichkeit bei gleichzeitig ausgeprägtem Machotum wirkt etwas lächerlich. Und man fragt sich, was seine Frau Julika und seine Geliebte Sibylle an diesem narzisstischen Sich-selbst-Sucher finden. Aber eben nur im Roman, nicht in der Verfilmung. Die Macher haben es versäumt, der Stiller-Figur Relevanz für die Gegenwart zu geben.
Man hört und liest in letzter Zeit sehr viel über die Orientierungslosigkeit der Männer. Sie besetzen zwar immer noch die Mehrheit der Machtpositionen, aber es geht ihnen nicht mehr selbstverständlich gut damit. Sie werden hinterfragt. Mittlerweile belegen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Männer in grosser Zahl an Einsamkeit leiden und deutlich häufiger Selbstmord begehen als Frauen. Die Buben und jungen Männer bereiten Sorgen, weil ihre Leistungen in der Schule hinter jene der Mädchen abfallen und sie sich auf Tiktok von reaktionären Influencern verführen lassen.
Sie pumpen ihre Muskeln auf, weil das nach «stark» aussieht. Aber was «stark sein» im Leben bedeutet, das wissen die Männer nicht mehr. Der Sozialforscher Richard Reeves sagte jüngst im Interview mit dieser Zeitung: «Die alten Vorstellungen von Männlichkeit gelten nicht mehr oder als problematisch, aber neue haben sich noch nicht herausbilden können. Dafür ging die Entwicklung zu schnell.»
Gut genug als Witzfigur
Die Ratlosigkeit, was ein Mann sein soll, schlägt sich nun in der Unterhaltung nieder. Sogenannte «starke Frauen» sind im Film nichts Aussergewöhnliches mehr. Sie können alles sein, die Vielfalt an Rollen nimmt zu und geht über alte Klischees hinaus. Aber die Männer? Viele der Filme, die im Galaprogramm des ZFF liefen, sind deshalb schwach, weil sie am Klischee hängenbleiben, dass ein echter Mann ein harter Hund und Herr der Lage sein muss. Und wenn es ihm nicht gelingt, dann ist er ein Versager.
In «The Smashing Machine» fällt das Leben des Mixed-Martial-Arts-Kämpfers Mark Kerr (Dwayne Johnson) auseinander, nachdem er zum ersten Mal in seiner Karriere einen Kampf verloren hat. In «Das Leben der Wünsche» spielt Matthias Schweighöfer einen frustrierten Familienvater, dem magischerweise plötzlich alle Wünsche erfüllt werden. Im Drama «Jay Kelly» wiederum erkennt George Clooney als alternder Film-Superstar, dass er vor lauter Rollenspielen das echte Leben verpasst, und versucht nun, verlorene Zeit mit seiner Tochter nachzuholen.
Angesichts dieser ganzen Reihe von schwächlichen Filmen über das ehemals «starke Geschlecht» zeichnet sich ein Versäumnis der Filmgeschichte ab: Die Mehrheit der Hauptrollen wird immer noch von Männern gespielt, aber was für Rollen sind das? Meist starke Kerle und Helden – selbst Antihelden sind irgendwie cool und tough. Und wenn sie keine starken Kerle sein dürfen, dann sind sie noch als Witzfiguren gut genug.
So wie in der Netflix-Serie «Alphamännchen»: Ulf verliert seinen CEO-Posten an eine Frau, Cem braucht Dating-Nachhilfe von seiner Teenagertochter, Andi hat Erektionsprobleme, und Erik kommt nicht klar mit der offenen Beziehung, die seine Freundin will. Während die Frauen sich verwirklichen, im Beruf und sexuell, stolpern die vier Dudes verloren durch ihr Leben. Ulf stürzt vor lauter Frust in die Manosphere ab. «Jaja, bist ein Armer», würde Julika aus dem Roman «Stiller» auch zu ihm sagen.
Kino für Männer ist heute etwa so, wie es früher für Frauen war: Es gibt zu viele Figuren, mit denen man sich entweder nicht identifizieren will, weil zu lächerlich, oder die als ernstzunehmendes Vorbild untauglich sind, weil zu unrealistisch. Aber es gibt kaum Männerfilme, die Männer ernst nehmen.
Geschichten über Freundschaften zum Beispiel. Für und mit Frauen gibt es diese schon lange, und das in aller Vielfalt von lustig bis tragisch. Aber Männerfreundschaften wie in «Sideways» (2004) trifft man im Kino selten an. Wenn, dann sind es Bro-Filme oder Blödelkomödien, gut bestückt mit Peniswitzen, haha.
Zur Demütigung, ein «alter weisser Mann» sein zu müssen, kommt jetzt also noch hinzu, in Filmen als Waschlappen oder in Serien wie «Alphamännchen» als Witzfiguren herhalten zu müssen. Nicht ernst genommen zu werden, ist ein äusserst unangenehmes Gefühl. Und es animiert zum Widerstand. Ist der Mangel an realitätsnahen Vorbildern vielleicht ein Risiko? Laut der Forschung ist die gefährlichste Spezies der Welt der verletzte, einsame Mann.
Am 11. 10. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Netflix