Die Zahlen täuschen

Der Schweizer Film ist zurzeit dank Blockbustern wie «Heldin» und «Tschugger» im Hoch. Den Grossteil des heimischen Schaffens wird das Publikum aber weiterhin verschmähen. Daran dürfte auch die geplante Promotionsoffensive des Bundes nichts ändern.

 

Die Kinos leiden schwer unter der Sommerhitze der letzten Wochen, aber der Schweizer Film erlebt ein Hoch. So viel Publikum wie in dieser ersten Jahreshälfte habe das heimische Schaffen seit 2006 nicht mehr erreicht, meldet der Verband Pro Cinema. Der Marktanteil liege bei 12 Prozent. Das ist objektiv betrachtet eine kleine Zahl, aber für den beim Kinopublikum notorisch unbeliebten Schweizer Film eine Sensation. In den fünfzehn vorangegangenen Jahren waren es im Schnitt etwa 5 Prozent, davor noch weniger.

Wird der Schweizer Film gerade sein schlechtes Image los? Noch 2023 klagte Ivo Kummer, der ehemalige langjährige Filmchef beim Bundesamt für Kultur (BAK), gegenüber «Cinébulletin»: «Die Vorurteile gegenüber dem Schweizer Film bestehen immer noch. Dieses Image müssen wir korrigieren.»

Diese neuen Kino-Eintrittszahlen könnten auf eine einsetzende Imagekorrektur hinweisen, aber sie sind trügerisch. Gerade weil der Marktanteil so gering ist, lässt sich der Erfolg des heimischen Filmschaffens nicht daran messen: Wie die Eintrittszahlen der Jahre 2024 und 2025 zeigen, reichen ein paar wenige Schweiz-Blockbuster, um diese Prozentzahl nach oben zu treiben.

2024 waren es «Bon Schuur Ticino», der Dalai-Lama-Dokumentarfilm «Wisdom of Happiness» und «Tschugger: Dr lätscht Fall». Und in diesen Monaten ist Petra Volpes «Heldin» fast allein für die 12 Prozent verantwortlich. Das Drama über eine Pflegerin am Rand der Belastbarkeit liegt zurzeit mit 183 000 Eintritten hinter «A Minecraft Movie», «Lilo & Stitch» und «Mufasa: The Lion King» an der Spitze der Schweizer Kino-Charts – das kann man tatsächlich eine Sensation nennen.

Der Rest der ungefähr 100 Filme jedoch, die in der Schweiz pro Jahr hergestellt werden, flackert wie üblich in kaum gefüllte Säle hinaus. Der Grossteil der zurzeit erfolgreichsten 30 heimischen Produktionen verzeichnet je ein paar tausend Eintritte. Das ist zu wenig.

Werbung soll es richten

Also hat das BAK beschlossen: So kann es nicht weitergehen. Damit die grosse Menge von geförderten Filmen gerechtfertigt erscheint, muss sichergestellt werden, dass das Publikum diese auch sieht. Obwohl amerikanische und europäische Produktionen von jeher viel beliebter sind, soll nun Swiss Films, die vom Bund mit 2,7 Millionen Franken geförderte Promotionsagentur des Schweizer Films, das hiesige Schaffen nicht mehr nur im Ausland, sondern auch zu Hause bewerben. So ist es in der neuen Kulturbotschaft festgehalten.

Gegen mehr Werbung für die eigenen Werke hat man in der Branche nichts einzuwenden. Aber der Dachverband Cinésuisse hält die Finanzierung für problematisch: «Zusätzliche Aufgaben, die im Rahmen der Kulturbotschaft aufgeführt werden, müssen entsprechend finanziert werden», sagt die Geschäftsführerin Salome Horber. Es sei ein Problem, dass Swiss Films zwar den Auftrag zur Inlandpromotion bekomme, dafür vom Bund aber keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt würden.

Statt zusätzlicher Mittel gab es vielmehr ein Spardiktat. Im Rahmen des Sparpakets hatte der Bund im Februar 2024 die Kredite der Kulturbotschaft 2025–2028 um 1,4 Prozent gekürzt. Das könnte für den Film eine Qualitätseinbusse zur Folge haben, denn: Der Betrag für die Inlandpromotion musste der Stoffentwicklung und Herstellung weggenommen werden, wie die «Wisdom of Happiness»-Regisseurin Barbara Miller erklärt. Weil diese Mittel generell knapp seien in der Schweiz, nennt sie diesen Einschnitt «sehr schmerzhaft».

Der Regisseur Simon Jaquemet findet die Idee der Inlandpromotion gut, aber die Umsetzung fraglich. «Aus meiner Sicht geht es dabei viel um Politik und vorauseilenden Gehorsam gegenüber der politischen Rechten, aus Angst, dass die Filmförderung noch mehr zusammengestrichen werden könnte.»

Wenn Spardruck herrscht, geht es darum, seine Existenz und Bedeutung zu rechtfertigen. Also soll Swiss Films der Bevölkerung den Schweizer Film als wertvolles Kulturgut näherbringen. Aber das Budget wird nur für einen Bruchteil der produzierten Menge ausreichen.

Was also anpreisen? Swiss Films scheint im Rahmen seines nun angelaufenen Pilotprojekts «Campaign Booster» weniger anhand von vermuteter Filmqualität auszuwählen als wirtschaftlich: Es werde «Marketingaktionen rund um ausgewählte Filme, Serien oder Talente» geben, die «das Interesse am Schweizer Film wecken» sollen, wie Direktor Nicola Ruffo sagt.

Übersetzt könnte das heissen: Die Promotion kommt Projekten zugute, die bereits kommerziell aufgestellt sind, etwa «Betty Bossy» oder die Musical-Verfilmung «Ewigi Liebi». Ein ungenannt bleibendes Branchenmitglied fürchtet, Swiss Films könnte «denen geben, die schon haben, um auf einen relativ garantierten Erfolg aufzuspringen, statt mehr Diversität zu fördern und Filmen, die es im Kino schwerer haben, zu mehr Visibilität zu verhelfen». Solchen wie «Reinas», «Der Spatz im Kamin» oder «Les courageux»; sie liefen an etlichen internationalen Festivals, «Reinas» war die Schweizer Oscar-Einreichung, aber zu Hause wurden diese Filme kaum wahrgenommen.

Promotion für die Behörden

Verleiher und Kinos setzten vermehrt auf Sicherheit und holten gerne Sequels und Remakes von bekannten amerikanischen Filmen ins Kinoprogramm, um Publikum anzulocken, meint Simon Jaquemet. «Wie sollen unsere Filme, die ein Promotionsbudget von vielleicht 15 000 Franken zur Verfügung haben, jemals mit Millionenkampagnen aus den USA mithalten können?»

Selbst wenn in den Kinos Schweizer Filme laufen würden, die dem ideenlosen Hollywood der Gegenwart qualitativ überlegen sind, dann kauft die Mehrheit trotzdem ein Ticket für «Superman» oder «Jurassic World». Je mehr davon in den Kinos läuft, desto schwerer haben es daneben Schweizer Titel.

So könnte die geplante Inlandpromotion also eher den Behörden etwas bringen: Der Bund rechtfertigt seine vielen geförderten Filme, indem er dank einigen Schweiz-Blockbustern einen akzeptablen Marktanteil präsentieren kann. Swiss Films rechtfertigt seine Existenz vor dem Bund, indem es Projekte mit Blockbusterpotenzial für die Promotion auswählt.

Und der Schweizer Film, dessen Image «wir korrigieren müssen»? Der wird ziemlich sicher auch weiterhin an internationalen Festivals und nicht zu Hause in den Kinos stattfinden.


Am 20. 7. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Dominic Steinmann SRF