Dystopie und Schweizer Diplomatie

Das dystopische Drama «Don't Let the Sun» und die Polit-Serie «The Deal» sind zwei Schweizer Produktionen am Locarno Film Festival, die man sich vormerken kann.

Sollte die Hitze zum Start des Locarno Film Festival zurückkehren wollen, dann würde es eine Tortur, sich «Don’t Let the Sun» anzuschauen. Dennoch lohnt es sich, sich den Spielfilm von Jacqueline Zünd unbedingt vorzumerken. Ebenso die Serie «The Deal» von Jean-Stéphane Bron als zweites Schweizer Werk.

In «Don’t Let the Sun» erzählt Zünd von einer Welt in nicht so ferner Zukunft, in der es so unerträglich heiss geworden ist, dass die Menschen das Leben vom Tag in die Nacht verlegt haben. «18 Uhr, 46 Grad», steht auf der Leuchtanzeige auf einem Hochhaus in einer namenlosen Stadt. Jeden Morgen warnt eine Lautsprecherstimme über die Dächer hinweg: «Achtung, die Sonne geht bald auf. Ältere Menschen und Kinder sollten sich in Sicherheit bringen.»

Zeit für Cleo und ihre 9-jährige Tochter Nika, sich schlafen zu legen. Tagsüber liegen die Strassen in gleissendem Licht verlassen da, und auch nachts lässt sich nicht viel Leben ausmachen, ob am Strand oder in den Fluren von Häusern. Die Hitze muss die Menschheit dezimiert und auch das Bedürfnis nach Nähe weggebrannt haben. Selbst das Sprechen beschränkt sich auf wenige Worte. Einsamkeit und Apathie halten die Übriggebliebenen gefangen.

Dagegen hilft das Angebot einer Dienstleistungsfirma, die emotional Bedürftigen Gefährten vermietet. Bald, um einen verlorenen Sohn zu spielen, bald eine abwesende Freundin. Cleo engagiert den Studenten Jonah (Levan Gelbakhiani) als Ersatzvater für Nika. «Ich brauche keinen Vater», sagt das Kind nur und läuft davon. Aber etwas bleibt hängen zwischen ihnen, und mit der Zeit freunden sie sich an. Aber das ist gefährlich für Jonah. Er muss Gefühle und Beruf strikt trennen.

«Don’t Let the Sun» ist, wie schon Zünds vorangehender Dokumentarfilm «Where We Belong» über Scheidungskinder, wunderschön fotografiert. Die Bilder sind oft statisch, als ob die Hitze auch für das Kameraauge jede Bewegung zu anstrengend gemacht hätte. Die Langsamkeit, der Sound und die Farben versetzen einen in einen Zustand, den man Wachtraum nennen könnte. Nicht einschläfernd, sondern hypnotisch. Die Figuren, die alle ihre Geheimnisse haben, ziehen einen in ihren Bann.

Das dystopische Drama «Don’t Let the Sun» schaut auf eine drohende Zukunft. Die Serie «The Deal» hingegen blickt in die Vergangenheit der Schweizer Diplomatie, angereichert mit Fiktion.

Jean-Stéphane Bron, der wie auch Jacqueline Zünd bekannt ist für Dokumentarfilme, erzählt in seiner Serie von den Ereignissen 2015 in einem Genfer Luxushotel, wo die Gespräche der USA mit Iran ihren Anfang nahmen, das im Verdacht stand, Nuklearwaffen zu entwickeln. Alexandra Weiss (Veerle Baetens), Leiterin der diplomatischen Delegation der Schweiz, versucht das höchst komplizierte und delikate Treffen so reibungslos wie möglich ablaufen zu lassen. Aber persönliche Verbindungen in Iran machen ihre Aufgabe bald sehr schwierig.

«The Deal» scheint nach den ersten zwei verfügbaren Folgen nicht nur sehr spannend, sondern ist durch die Ereignisse der letzten Monate auf unheimliche Art unheimlich aktuell geworden.



Am 3. 8. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Lomotion