Eine vielversprechende Rächerin

Cassie (Carey Mulligan) will Rache für ihre beste Freundin Nina, die vergewaltigt wurde und deshalb Selbstmord beging. Der Täter lebt unbehelligt weiter. Das klingt nach «Rape-Revenge-Movie». Aber Regisseurin Emerald Fennell unterläuft dieses Genre in ihrem Debüt durch Überzeichnung und bittersten Humor. Damit trifft sie umso härter.

«Was?! Der Film darf doch nicht so enden!» – «Doch, das ist genau richtig.» ­– «Aber so bestätigt sich alles, wogegen Cassie kämpft!» – «Ja, eben.» – «Das ist doch das übelste Klischee. Frauen sind halt einfach schwach, oder was?!» Etwa so klang die Diskussion bei uns nach «Promising Young Woman», dem Debüt der Britin Emerald Fennell. Das ist ein Film – Drama, Thriller, Tragikomödie, eine Art «Romcom» und Horror gleichzeitig –, der die Nerven angreift.

Er erzählt von Cassie (Carey Mulligan), die den Tod ihrer besten Freundin Nina rächen will. Nina nahm sich als Medizinstudentin das Leben, weil ein Kommilitone sie vergewaltigt hatte. Für den «vielversprechenden jungen Mann» hatte die Tat keine Konsequenzen. Man kann doch nicht die Zukunft eines Studenten zerstören, nur weil er einen Fehler gemacht hat!

Daraufhin hat Cassie ihr Studium hingeschmissen. Sie arbeitet in einem Coffeeshop, bandelt mit einem alten Studienkollegen (Bo Burnham) an, wohnt bei den Eltern und ist auf einer Mission. Die Trauer um den Verlust von Nina hat sie zur Rächerin gemacht. Aber zu einer besonderen.

«Promising Young Woman», jüngst mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet, ist keines jener «Rape-Revenge-Movies», in denen Frauen mit viel Sex-Appeal Blutbäder anrichten und die eher Männerphantasien befriedigen als die Protagonistinnen – ihre Wut! – ernst nehmen.

Es auch keiner von den Filmen, in denen Frauen Rollen spielen, die genauso gut von Männern verkörpert werden könnten. Hier gibt es keine weibliche Hauptfigur, nur weil Heldinnen gefragt sind. «Promising Young Woman» erzählt vielmehr von genuin weiblicher Erfahrung aus weiblicher Perspektive, aber ohne deswegen ein «Frauenfilm» zu sein, etwas für die «Ladies Night» mit offerierten Cüpli. Ganz und gar nicht.

Fennell unterläuft das Rape-Revenge-Movie durch einen Genre-Mix, durch Verfremdung und Überzeichnung, durch einen äusserst bitteren Humor, der sich aber vom Zynismus fernhält. «Promising Young Woman» hat eine bonbonbunte Fassade, hinter der sich die grausame Geschichte verbirgt.

Ausserdem kocht da eine gerade noch kontrollierte Wut auf sexistisch motivierte Demütigungen, auf das lähmende Gefühl, das Diskriminierung verursacht. Fennell kultiviert keinen Hass auf Männer, das ist wichtig. Sie erzählt von der Wut darauf, was manche Männer Frauen antun – und wie Frauen sich zu Komplizinnen machen.

Wir lernen Cassie als mysteriöse Einzelgängerin kennen, die scheinbar sturzbetrunken in Bars hockt, einmal im Business-Outfit, ein andermal im Partykleidchen. Jedes Mal hilft ihr ein Mann auf die Beine, setzt sie ins Taxi und sich selbst neben sie, bringt sie nach Hause. Zu sich.

Wenn jeder einzelne der Männer dann anfängt, sie zu küssen und unter ihre Kleider zu fassen, und weitermacht, obwohl sie sich wehrt, passiert es: «Hey. Du sollst aufhören», sagt Cassie mit fester Stimme. Nüchtern. Die Männer zucken zusammen, als ob sie einen Stromschlag abbekommen hätten, und lassen von ihr ab. Sie werden wütend, weil ihr Opfer sie quasi in flagranti erwischt hat.

Rache heisst für Cassie nicht blutige Gewalt, sondern Konfrontation. Angst einzujagen, ist viel effektiver. Wer tot ist, kann nicht mehr dazu gezwungen werden, seine Taten zu überdenken, Reue und Scham zu empfinden und sich vielleicht sogar Fehler einzugestehen. Wenn Cassie töten würde, wäre «Promising Young Woman» kurzfristig befriedigend, aber plump. Fennell will viel mehr und erreicht das auch.

Wenn die erste Erschütterung ein paar Stunden nach Filmende verflogen ist und dem Nachdenken Platz gemacht hat, kommt man zur Einsicht, dass der Schluss tatsächlich genau so sein muss, wie er ist. Man kann sagen, er bestätige das Klischee der schwachen Frau, aber an Klischees ist immer auch etwas Wahres dran.

Wie schmerzhaft und bitter die Wahrheit ist, das zeigt dieser Film: Cassie ist keine Superheldin aus einer Comicwelt, die mit Waffen und Wunderkräften ihr Recht erkämpft. Es ist der Realitäts-Schock, mit dem diese comichaft inszenierte Geschichte endet und sie zu einem Erlebnis macht, das einen lange nicht mehr loslässt.

 

Zuerst erschienen am 6.5.2021 in der «NZZ am Sonntag». (Bild: Universal)

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