Ein Film, der einen an seine Grenzen bringt

Der düstere und sehr unterhaltsame Zwitter aus nordischer Mythologie und Sozialdrama erzählt eine bizarre Liebesgeschichte, in der sich alles ums Einhalten und Überschreiten von Grenzen und um die Angst vor dem Anderen und Fremden dreht.

Wenn Tina (Eva Melander) Witterung aufgenommen hat, entkommt ihr niemand mehr. Die Zollbeamtin von gedrungener Gestalt, mit fädigen Haaren, verfärbten Zähnen und einem Gesicht, das an Neandertaler erinnert, hat einen derart sensiblen Geruchssinn, dass sie an anderen Angst und Schuld riechen kann.

Zum Beispiel an dem schicken jungen Mann, der eine Speicherkarte voller Kinderpornografie ins Land schmuggeln will. Nachdem sie ihn überführt hat, nimmt auch die lokale Polizei ihr Talent in Anspruch, um einen Ring von Pädophilen zu sprengen. Tina, die in ihrer Freizeit barfuss durchs Unterholz streift und offenbar einen besonderen Draht zur Natur hat, hat sich damit abgefunden, dass sie anders ist, dass sie sich keiner der Gruppen zuordnen lässt, mit denen wir Menschen uns je nach Herkunft und Geschlecht identifizieren. Sie hat keine echten Freunde, aber alle sind nett zu ihr. Man hat sich an sie gewöhnt.

Dann taucht eines Tages ein Mann am Zoll auf, der von genau gleicher Statur ist wie sie, dieselbe wulstige Stirn und dieselben Zähne und Haare hat. Tina fühlt sich sofort zu Vore (Eero Milonoff) hingezogen. Bald werden sie zum Paar, das man nicht so schnell wieder vergisst.

Weil Vore über eine Art geheimes Wissen über Tinas Herkunft verfügt, muss diese ihr bisheriges Leben und Wertesystem infrage stellen.

«Gräns» von Ali Abbasi ist ein düsterer und sehr unterhaltsamer Zwitter aus nordischer Mythologie und Sozialdrama, gespickt mit Gruselelementen und voller bizarrer Wendungen. Alles darin dreht sich ums Einhalten und Überschreiten von Grenzen, um die Angst vor dem Anderen und Fremden.

Die Inszenierung verstösst gegen so viele Sehgewohnheiten, dass man auch als Zuschauerin gelegentlich an seine Grenzen kommt. Vor allem an die des Ekels.

Das ist ein kluger Trick des Regisseurs, weil er einen quasi bei den Instinkten packt und sagt: Auch du bist irritiert von dem, was du nicht kennst, ob du willst oder nicht. Die Frage, mit der er uns aus dem Kino entlässt, ist, ob die eigene Irritation in Angst und Ablehnung kippt oder ob Neugierde und Offenheit stärker sind.


(Erschienen in «Frame», «NZZ am Sonntag» am 22. Februar 2019.)

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