«The Chronology of Water»: Kristen Stewarts herausragendes Regiedebüt

Das Drama, gefeiert in Cannes, verwandelt Literatur in radikal körperliches Kino. «The Chronology of Water» ist eine Auseinandersetzung mit Schmerz in lyrischen Bildern.

«Fragmente. Bruchstücke. Wiederholungen. Muster», sagt eine Frauenstimme aus dem Off. Dazu Bilder im Super-Close-up: das Gesicht einer Frau. Blonde nasse Haare. Wasser, das ein Rinnsal aus Blut über weisse Fliesen in einen Abfluss spült. Ein kleiner blauer Stein. Eine Babysocke. Immer wieder Wasser. Wo sind wir? Was ist passiert? Noch gibt es keine Orientierung, nur diese Stimme. Sie gehört Lidia (Imogen Poots), einer jungen Frau, die über das unberechenbare Wesen von Erinnerungen spricht.

Sie erinnert sich an den Missbrauch durch den Vater, als sie und ihre Schwester Claudia (Thora Birch) noch Kinder waren. An die stumpfe Mutter, an die Sehnsucht nach dem Wettkampfschwimmen – ihr Hobby, ihre Rettung. Denn im Wasser fühlt sie sich, als ob sie dem Bösen entkommen könnte. Ein paar Jahre später stellt sich heraus, dass es das Schreiben ist, das Lidia braucht, um den erlittenen Schmerz zu bewältigen und Kontrolle zu gewinnen über ihre traumatische Vergangenheit und die Flucht zu Alkohol und Drogen. «Erinnerungen sind Geschichten», sagt Lidia am Anfang. «Erfinde also besser eine, mit der du leben kannst.»

«The Chronology of Water» basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman der amerikanischen Autorin Lidia Yuknavitch, aber fühlt sich nie an wie eine Literaturverfilmung. Die Schauspielerin Kristen Stewart, die auch das Drehbuch schrieb, verwandelt in ihrem Regiedebüt gedruckte Sprache in sinnliches, radikal physisches Kino. Sie erschafft eine Auseinandersetzung mit Schmerz in lichtdurchfluteten, lyrischen Bildern, erzählt aus der subjektiven Perspektive dieser jungen Frau.

Lidias Erzählstimme ist hier kein notdürftig eingesetztes Hilfsmittel, um den Inhalt eines Romans in einen Film hineinzuquetschen, sondern ein fundamentales atmosphärisches Element. Lidias assoziative Sprache öffnet einen Raum hinter den Bildern, wo all das seinen Platz findet, was man als Zuschauerin nur intuitiv erfasst.

In einem Videointerview mit der «New York Times» sagte Stewart, der Fragen über ihr Privatleben müde, wer etwas über sie wissen wolle, solle sich «The Chronology of Water» anschauen. Da sei alles drin. Wie sie das genau meint, wird ihr Geheimnis bleiben.

Aber ähnlich wie Lidia schreibend die Kontrolle über ihre Vergangenheit erringt, so scheint diese herausragende erste Regiearbeit auch für Stewart ein Akt der Selbstermächtigung zu sein. Denn jetzt ist sie nicht die Schauspielerin, die ihren Körper zur Schau stellen muss, der von der Öffentlichkeit seit den «Twilight»-Filmen ständig beurteilt und bewertet wird.

Diesmal hat sie die Kontrolle als Erzählerin in einem Film, der sich um den weiblichen Körper dreht. Er ist ein Gefäss der Lust und des Schmerzes, er ist zäh und versehrbar – auch von Erinnerungen. Denn diese leben nicht nur im Geist, sondern sind genauso eingeschrieben ins Fleisch: «Alles, was ich war, war mein blutender Körper», sagt Lidia einmal. Dieser Körper fand Linderung lange nur im Wasser. Bis sie schreibend schliesslich so weit kam zu sagen: «Ich lerne, an Land zu leben.»

 

Am 4. Januar 2026 in der "NZZ am Sonntag" erschienen.