«Leuteeeee, guckt maaaal, da ist jemand aus dem Fernseeeehen!»

Heike Makatsch, TV-Heldin der neunziger Jahre, spielt in der Serie «Call My Agent Berlin» eine fiktive Version ihrer selbst. Im Interview spricht sie über die Bürden des Berühmtseins und warum sie es feige fände, sich politisch nicht zu äussern.

Die Serie «Call My Agent Berlin», ein Remake der französischen Serie «Dix pour cent», handelt von der Mühsal der Angestellten einer Schauspielagentur. Sie müssen Stars bei Laune halten, ihnen Rollen vermitteln und Egos hätscheln. Die Komödie ist besetzt mit der oberen Mittelklasse des deutschen Films: Frederick Lau, Iris Berben, Moritz Bleibtreu – und Heike Makatsch. Während die meisten Episoden von Eitelkeiten der Stars handeln, dreht sich jene mit Makatsch um die Bürden des Prominentseins. Makatsch spielt eine Schauspielerin, der das eigene Berühmtsein die Liebe verunmöglicht.

NZZ am Sonntag: Frau Makatsch, was ist in Wahrheit das Mühsame am Leben als Prominente?

Heike Makatsch: Meine Figur, die ja Heike Makatsch ist, leidet darunter, dass sie nicht wie ein normaler Mensch jemanden treffen kann. Jede Begegnung wird davon getrübt, dass die andere Person meint, etwas über diese Heike zu wissen oder eine Meinung über sie haben zu dürfen. Dass das unglücklich macht, kann ich schon nachvollziehen und nachempfinden.

Weil Sie das aus eigener Erfahrung kennen?

Ja, das passiert. Es ist inzwischen fast schon eine professionelle Deformation, dass man davon ausgeht, jemandem nicht als unbeschriebenes Blatt begegnen zu können. Man verbringt seinen Alltag eher damit, auf seine Zehenspitzen zu schauen, statt in die Welt hinauszublicken.

Wenn man sich immer ducken muss, bekommt man gar nichts mit von der Welt um einen herum.

Das fällt einem irgendwann nicht mehr auf, weil es so normal ist, eine gewisse Art von Reserviertheit mitzubringen. Aber das führt dazu, dass man nicht mehr weiss: Bin ich das, oder ist das durch meinen Job so gekommen?

Und um die Verwirrung zu steigern, spielen Sie jetzt auch noch eine fiktive Heike Makatsch.

Die Situationen, wie sie meine Figur da erlebt, sind doof, sie sind schmerzhaft, weil sofort ein Graben entsteht, wenn jemand meint, man könne mit dem Finger auf einen zeigen und sagen: «Leuteeeee, guckt maaaal, da ist jemand aus dem Fernseeeehen!» Das kann dazu führen, in fremden Gruppen nicht ganz präsent zu sein. Aber das soll jetzt nicht tragisch klingen, es ist Jammern auf hohem Niveau, aber ja, das ist schon auch in meinem Leben drin, was diese Figur da erlebt.

Zum Bild, das sich die Öffentlichkeit von berühmten Menschen macht, gehört auch, dass sie als moralische Leitfiguren angesehen werden. Auch Sie äussern sich zu politischen Themen, sei es zur Bankenkrise, zu #MeToo, zu Corona-Massnahmen oder jetzt zum Krieg in Gaza. Warum tun Sie das?

Ich mache es nicht oft, weil ich solchen Äusserungen keine so grosse Kraft zuspreche. In unserer heutigen Zeit ist es, wie soll ich sagen . . . Ein Grossteil der Meinungsäusserung findet auf Social Media statt. Aber ich bezweifle, dass vieles davon eine Relevanz besitzt oder wirklich etwas bewegen kann.

Wieso machen Sie es trotzdem?

Ich habe meine Freunde, eine Familie, Kinder, meinen Bäcker, meinen Kiez, aber dann halt auch die Öffentlichkeit. Ich fühle mich in der Verantwortung, meine Reichweite zu nutzen, um wenigstens eine Haltung darzustellen. Würde man es nicht tun, schaffte man sich als meinungsstarken Menschen ja komplett ab.

Also glauben Sie doch, dass solche Interventionen etwas bewirken?

Ich habe mir auch schon überlegt, ob es besser wäre, auf eine öffentlich dargestellte Haltung zu verzichten. Aber dann müsste ich mich fragen, ob ich feige bin, mich wegducke vor möglichen Konsequenzen. Hat man denn nicht die Verantwortung oder die Verpflichtung – ohne Lösungen anbieten zu können –, wenigstens zu sagen, wofür man innerlich steht, auch wenn man nicht weiss, ob das jemandem was bringt?

Prominente scheinen sich sehr gern zu allem Möglichen zu äussern. Wer schweigt, fällt auf.

Künstler haben sich schon immer zu politischen Ereignissen positioniert. Mir ist es sympathisch, wenn sie das tun. Für mich ist es eine Erleichterung, zu sehen, dass jemand da draussen versucht, die richtigen Worte zu finden und im öffentlichen Diskurs etwas zu bieten, woran die Menschen sich festhalten können. Es ist dann nicht alles nur eine rutschige, glatte Oberfläche.

Eine Meinung zu haben, hat ihren Preis. Wenn Sie einen offenen Brief unterzeichnen, wie neulich «Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz», dann kommt sofort der Vorwurf der Heuchelei. Es gehe nicht um die Sache, sondern um Selbstdarstellung. Wie antworten Sie auf solche Kritik?

Dass es negative Reaktionen geben wird, das kann man sich schon vorher denken. Es ist wie ein langweiliger Reflex: Jetzt geht es wieder los, und alle dürfen sich auf Social Media auskippen. Man muss versuchen, das nicht so ernst zu nehmen. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, dass wir erschrocken waren darüber, was auf Social Media passiert.

Fragen Sie sich manchmal, was mit Ihnen passiert wäre, wenn es Social Media in den Neunzigern schon gegeben hätte? Zum Beispiel, als Sie als Viva-Moderatorin Blur hätten interviewen sollen, aber die sich benahmen wie ungezogene Schuljungs. Damon Albarn fragte Sie: «Und was willst du werden, wenn du gross bist?»

Das wissen Sie noch? Ja, es stimmt. Es war schrecklich.

Hätte es Tiktok gegeben, was wäre mit Ihnen geschehen, aber auch mit Blur?

Keine Ahnung . . . Ich habe auch vieles von damals vergessen. Solche Dinge sind passiert, aber ich habe mir jeweils wenig Gedanken darüber gemacht, ehrlich gesagt. Ich war da relativ angstfrei.

Und doch ging es damals los, dass Sie von der Öffentlichkeit bewertet wurden und damit anfingen, auf Ihre Fussspitzen zu schauen.

Was für mich früher schwierig war, waren die Attribute, die mir zugeschrieben wurden, auch wenn die gar nicht alle negativ waren.

An welche erinnern Sie sich?

Ach, ich will die gar nicht wiederholen. Als junge Frau hatte ich damit zu kämpfen, dass ich von anderen als jemand gesehen wurde, wie ich mich selbst nicht sah. Es war schwierig für mich, dass man als öffentliche Person angeschaut und beurteilt werden darf. Sich das nicht so zu Herzen zu nehmen, das ist halt die Aufgabe.

Aber Sie waren auch ein Vorbild, das muss Ihnen auch aufgefallen sein. Im Fernsehen sah man fast nur Männer, und dann kamen Sie mit Ihrer Lässigkeit und Selbstsicherheit. Das war etwas Neues.

Das freut mich total, wenn ich dazu beitragen konnte, dass junge Mädchen sich vielleicht meinetwegen was getraut haben. Aber ich habe mir irgendwann vorgenommen, weder das Positive noch das Negative an mich heranzulassen. Weil weder die Fans noch die Kritiker wirklich mich sehen. Aber jetzt bin ich älter, und das interessiert mich alles nicht mehr so sehr.

Am 28. 9. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Linda Rosa Saal