Pfeile gegen wattierte Gemüter

Für eine Gruppe Raver wird eine Fahrt durch eine Wüste zum Horrortrip. «Sirât» ist eine von Bässen wummernde Erinnerung daran, wozu das Kino fähig ist, wenn es eine Zumutung sein darf.

Manchmal werden Filmen oder Romanen so Sinnsprüche vorangestellt. Man liest sie und vergisst sie wieder. Auch in diesem Fall. Aber dann, etwa in der Hälfte des Films, wird man durch die Geschehnisse auf der Leinwand brutal daran erinnert, dass man sich die Warnung hätte merken sollen. Sie sagt: «Sirât ist eine Brücke zwischen Hölle und Paradies. Wer sie überquert, sei davor gewarnt, dass sie dünner ist als ein Haar und scharf wie ein Schwert.»

Der Anfang dieses absolut aussergewöhnlichen Werks des französisch-spanischen Filmemachers Oliver Laxe hat einen die Warnung schnell vergessen lassen: Da prallen Techno-Beats ab von einer ockerbraunen Felswand in der marokkanischen Wüste. Menschen tanzen auf einem illegalen Rave dicht gedrängt in der Hitze, selbstvergessen, dehydriert, voller Staub und unter Drogen.

Mittendrin bewegen sich zwei, die nicht in die Szenerie passen: Luis (Sergi López) und sein kleiner Sohn Esteban (Bruno Núñez). Sie bahnen sich einen Weg durch die Menge und verteilen tagsüber wie auch nachts unentwegt Zettel. «Vermisst» steht über dem Foto von Luis’ Tochter, die vor einem halben Jahr verschwunden ist. Er vermutet, in der Technoszene müsse es jemanden geben, der sie kennt. Aber niemand kann oder will helfen. Vielleicht am nächsten Rave in ein paar Tagen, weiter südlich an der mauretanischen Grenze?

Erzählerische Grenzüberschreitungen

Als auf einmal das Militär vorfährt, den Strom der riesigen Musikanlage kappt und verlangt, dass wegen internationaler politischer Unruhen alle europäischen Gäste evakuiert werden, machen sich zwei Frauen und drei Männer in ihren Survival-Offroadern davon. Einem der Männer fehlt ein Unterschenkel, dem anderen eine Hand. Vielleicht sind es Kriegsverletzungen, vielleicht waren es Unfälle, man erfährt es nicht, weil es nicht wichtig ist. Tanzen kann man auch mit versehrtem Körper.

Von einem Krieg – oder was immer da plötzlich los sein soll – lässt sich hier niemand aufhalten. Der Zug der schweren Gefährte, Staubwolken hinter sich herziehend, lässt an «Mad Max: Fury Road» denken, aber hier gibt es keine dreckig geschminkten Hollywoodstars, sondern vom Leben gezeichnete Laiendarsteller. Die fünf, die die Raver spielen, kennt Laxe seit Jahren aus der Free-Party-Szene, das ist eine Bewegung, die jenseits von Regeln von Klubs und oft unter freiem Himmel Partys veranstaltet.

Luis und Esteban fahren in der Staubwolke mit, so gut es eben geht in ihrem kaum wüstentauglichen Kleinbus. Die Raver wollen zuerst nichts mit den beiden zu tun haben. Aber dann, in der lebensfeindlichen Einsamkeit, fängt man eben doch an, einander zu helfen. Schliesslich sind die Vorräte knapp, und Luis hat Geld für das auf einmal stark rationierte Benzin.

Sie kommen mühsam voran, während im Radio nun tatsächlich die Rede ist vom dritten Weltkrieg, was aber niemanden zu kümmern scheint. Alles, was die Raver wollen, ist tanzen. Die Strasse über ein Gebirge wird immer unwegsamer und gefährlicher – und dann schlägt der Tod zu. Die Geschichte, die ein Roadmovie sein könnte oder die Suche eines Vaters nach seiner Tochter oder auch ein Apokalypsefilm, kippt unvermittelt in etwas, was sich an dieser Stelle nicht beschreiben lässt, ohne zu viel von der Handlung preiszugeben.

Alles, was in diesem Film passiert, passiert unerwartet und ist von ungewohnter Härte. Diese erzählerischen Grenzüberschreitungen fühlen sich an wie Schläge in die Magengrube. Das geschieht selten im Kino, insbesondere nicht in dieser Gegenwart der ökonomisch bedingten grassierenden Mutlosigkeit. «Sirât» ist ein hartes, notwendiges und aufrüttelndes Gegenmittel zum stromlinienförmig gewordenen Kino- und Serienschaffen, das so durchschaubar auf möglichst viel Kassenerfolg getrimmt ist, dass es oft nur noch langweilt.

«Sirât» hingegen, mitproduziert von Pedro Almodóvar und in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet, erinnert daran, wozu das Medium Film fähig ist, wenn es eine Zumutung sein darf. Wenn es also nicht als geölte Eskapismusmaschine funktionieren muss, die alberne Komödien wie «Bride Hard» ausspuckt oder das Programm des Remake-Sommers 2025 mit «Bad Guys 2», «Freakier Friday», «Das Kanu des Manitu» und so weiter.

Zwischen Hölle und Paradies

Oliver Laxes Furcht- und Kompromisslosigkeit im Erzählen mahnt daran, dass Kunst dazu da sein muss, um Pfeile auf unsere wattierten, psychotherapierten und triggergewarnten Gemüter abzuschiessen. «Sirât ist eine Brücke zwischen Hölle und Paradies . . .», warnt der Filmemacher sein Publikum am Anfang. Diese Zeilen sind eine Kürzestzusammenfassung für die Zufälligkeit aller Ereignisse während eines Lebens. Das ist dem Publikum zumutbar.

Dieser Film, der sich keinem Genre wirklich zuordnen lässt, ist mehr als eine Geschichte, «Sirât» ist ein Erlebnis. Laxe verleitet das Publikum dazu, diese «Brücke zwischen Hölle und Paradies» zu betreten, ohne dass man weiss, dass man es tut. Je nach psychischer Verfassung reicht ein Fehltritt, und man zieht sich in diesem Extremfilm ein paar seelische Blessuren zu.

Während die Reise für Luis und die Raver mehr und mehr zum Horror wird, je tiefer sie in die Wüste hineinfahren, machen die Techno-Beats des Soundtracks die Handlung fürs Publikum zum Trip. Der Film, vermeintlich ein Medium der Bilder, wird hier zum auditiven Tauchgang hinab in ein Reich der unablässig wummernden Bässe. Das macht «Sirât» zur immersiven Erfahrung, zu betörendem und physischem Kino, das einen benommen aus dem Saal wanken lässt.



Am 31. 8. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: Quim Vives