Social Media sind die neue globale Zensurbehörde

Facebook, Instagram und TikTok mit ihren hunderten Millionen von Nutzern entscheiden heute darüber, was gesagt und gezeigt werden darf. Wo verläuft die Grenze zwischen schützender Regulierung und Zensur?

Die freie Frau ist nackt», titelte die NZZ neulich. Das mag zutreffen, solange die Frau nicht auf die Idee kommt, ihre Nacktheit dort zu zeigen, wo man heute das Private mit der Öffentlichkeit teilt: auf Social Media. In den Richtlinien von Instagram zum Beispiel, dem globalen Fotoalbum, ist festgeschrieben, dass die Darstellung von Nacktheit «aus ­verschiedenen Gründen nicht zulässig» ist, etwa auf «Fotos, auf denen Brustwarzen von Frauen zu sehen sind». Männliche Brustwarzen werden nicht erwähnt. Es ist notwendig, dass Instagram «Fotos, Videos und digital erstellte Inhalte» verbietet, auf denen «Geschlechtsverkehr und Genitalien und Nahaufnahmen nackter Gesässe» zu sehen sind. Wenn eine Plattform dies nicht täte, wäre sie schnell voll mit Pornografie – abgesehen von Gewaltdarstellungen.

Dass nun aber ausschliesslich weibliche Brustwarzen nicht zulässig sind, bedeutet, dass laut Instagram – und Facebook, dem die App gehört – der nackte weibliche Oberkörper an sich anstössig ist. Folglich gelten entsprechende Bilder als Pornografie, selbst wenn es sich um Fotokunst handelt. Ein Algorithmus, der Muster erkennt, kann nicht unterscheiden zwischen künstlerischer Absicht und Obszönität. Also werden verdächtige Bilder gelöscht.

Instagram, das nach eigenen Angaben über eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer hat, entscheidet nicht nur darüber, was Kunst und was Pornografie ist, sondern auch darüber, was wir zeigen und sehen dürfen. So wird die Plattform zu einer Art neuer moralischer Instanz. Die Kirche konnte vor Unsittlichkeit warnen. Instagram hingegen lässt verschwinden, was gegen seine Richtlinien verstösst; diese stammen aus den USA, wo Nacktheit viel stärker stigmatisiert ist als beispielsweise in Europa, und gelten global.

Dagegen wehren sich Künstlerinnen wie Joanne Leah. Die Fotografin, die spezialisiert ist auf Aktfotografie, nutzt Instagram als Kanal zur Promotion für ihre Werke, aber ihre Bilder wurden immer wieder gelöscht. Sie erzählte im Podcast «Reset» davon, wie sie jetzt Selbstzensur übt, weil ihr die Reichweite der Plattform zu wichtig ist, als dass sie darauf verzichten könnte. Sie teilt dort immer noch Bilder von nackten Menschen, aber sie übergiesst die verbotenen Körperteile mit dickflüssiger Farbe.

Es wurde immer wieder darüber gestritten, ob ein Werk kunstvoll oder obszön sei. 1917 etwa schloss die Polizei nach zwei Tagen die Ausstellung in der Pariser Galerie Berthe Weill wegen des Gemäldes «Nu couché» von Amedeo Modigliani, das eine nackte Frau zeigt. Als «Ulysses» von James Joyces herauskam, wurde dem Autor Obszönität vorgeworfen. 500 Kopien des Buches sollen 1920 vom US-Zoll zerstört worden sein. Der Roman war in Amerika erst ab 1934 erhältlich, nachdem die Justiz entschieden hatte, dass die Sprache nicht obszön sei. 1989 beschlagnahmte die Polizei Fotografien aus einer neueröffneten Ausstellung von Robert Mapplethorpe. Die Bilder zeigten sadomasochistische Praktiken und Homosexualität. Kunstkritiker konnten das Gericht aber vom künstlerischen Wert der Bilder überzeugen.

Im Kino war es bis in die 1980er Jahre normal, dass Filme zensiert oder gar verboten werden konnten. Heute hat sich das Mainstreamkino aus Gründen der Wirtschaftlichkeit einer Form von Selbstzensur unterworfen, die alles, was man anstössig nennen könnte, von der Leinwand verschwinden liess. Nur an Gewaltdarstellungen stört man sich nicht.

Man mag mit den Urteilen der damaligen Richter zu einzelnen Kunstwerken einverstanden sein oder nicht. Und selbstverständlich kann man das meiste von dem, was auf Instagram gepostet wird, nicht mit Kunst vergleichen. Aber immerhin gab es Debatten über Moral, und die Grenzlinien zwischen Kunst und Obszönität verschoben sich. Wenn heute automatisch aus den wichtigsten Kommunikationskanälen entfernt wird, was gegen Richtlinien verstösst, werden wir entmündigt. Und wir nehmen es hin.

Dagegen wehren sich Künstlerinnen wie Joanne Leah. Sie fordern von Instagram, dass wir Nutzerinnen und Nutzer selber entscheiden dürfen, was wir sehen möchten. Ein Vorschlag ist, dass man Bilder verschleiert, statt löscht. So kann, wer sich zutraut, den Anblick einer Aktfotografie zu ertragen, das Bild mit einem Klick sichtbar machen.

Während Social-Media-Kanäle mit Sitz in den USA sich zu den neuen globalen Hütern der Moral entwickeln, fürchten sich die USA wiederum vor Plattformen mit Sitz in China. Der Verdacht: politische Zensur.

Das Augenmerk liegt zurzeit auf TikTok, der Plattform, die seit dem Start 2017 über eine Milliarde Mal heruntergeladen wurde und besonders bei Jugendlichen beliebt ist. Diese legen bemerkenswerte Kreativität und Fähigkeiten an den Tag bei der Herstellung der Videos, die sie dort teilen. TikTok gehört dem chinesischen Konzern Bytedance, der eine Serie Apps entwickelt hat, die auf riesigen Datenmengen und ausgefeilter künstlicher Intelligenz basieren. Er besitzt auch Musical.ly, den Vorgänger von TikTok. Die Frage ist, ob Bytedance der chinesischen Regierung untersteht. Die Hinweise auf staatliche Einmischung häufen sich:

Anfang Dezember wurde das Profil der 17-jährigen US-Studentin Feroza Aziz von der Videoplattform gesperrt, nachdem sie Kritik geübt hatte an Chinas Umgang mit den Uiguren. In einem Tutorial dazu, wie man seinen Wimpern Schwung verleiht, fordert sie ihr Publikum nach zehn Sekunden auf: «Und jetzt nehmt ihr dasselbe Telefon, auf dem ihr dieses Video schaut, und informiert euch darüber, wie in China unschuldige Muslime in Konzentrationslager gesperrt werden.» Das sei ein neuer Holocaust, aber niemand rede darüber. Über neun Millionen haben das Video auf den verschiedenen Kanälen gesehen. Dass der Account von Feroza Aziz gesperrt wurde, liege daran, dass sie erneut gegen die Regeln verstossen habe, liess TikTok verlauten. Damit ist ein satirisches Video gemeint, in dem Usama bin Ladin vorkam. TikTok erlaubt keine Darstellung von Terroristen. Aber Aziz wehrte sich via Twitter. Sie sei schon zuvor gesperrt worden für Videos, die den Uiguren gewidmet waren. Wenig später reaktivierte TikTok ihren Account und entschuldigte sich, es sei ein «menschlicher Fehler» gewesen.

In den USA, wo TikTok seinen Sitz hat, fürchtet man jetzt immer mehr, dass die Plattform sich dem Willen der Volkspartei fügen und auf Geheiss Videos mit politisch nicht genehmen Inhalten löschen könnte. Unter dem Hashtag #hongkong beispielsweise finden sich nur wenige Beiträge zu den Protesten. Die Erklärung von TikTok: Das sei eine Unterhaltungsapp, die jungen User würden nicht nach politischen Inhalten suchen. Das erinnert an Instagram, wo man sagt, die Richtlinien richteten sich nach gesellschaftlichen Werten. Die Frage ist, ob man sich da an Standards orientiert, die man selber schafft. Laut «Washington Post» vermuten Wissenschafter, TikTok könnte zu Chinas effektivster Waffe im globalen Informationskrieg werden und mit seinen für China typischen Zensurmethoden den Blick von US-Nutzern auf die Realität beeinflussen. Dabei geschieht das in den USA – und nicht nur dort – auch ohne Chinas Hilfe.

Der Komiker Sacha Baron Cohen sprach von «ideologischem Imperialismus», als er in seiner Rede bei einer Veranstaltung der amerikanischen Anti-Defamation League die Tech-Monopolisten Facebook, Twitter, Youtube und Google als «die grössten Propagandamaschinen der Geschichte» kritisierte und forderte, dass sie Verantwortung übernehmen müssten für ihre Inhalte. Mark Zuckerberg, der Mann hinter Facebook, wiederum warnt gern vor neuen Gesetzen, die Firmen wie seine regulieren würden. «Rede- und Meinungsfreiheit» müsse so weit gefasst bleiben wie möglich, meint er.

Die Frage ist, ab wann die Freiheit, die man für sich selbst einfordert, diejenige von anderen einzuschränken beginnt. Und ebenso, wo notwendige Regulierung zum Schutz vor Falschinformation aufhört und moralisch motivierte Zensur anfängt.


 

Erschienen am 14. Dezember 2019 auf nzzas.ch

(Bild: Bloomberg)

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