Utopien? Es geht noch besser

Utopien sind passé. Statt Gegenentwürfe zur Realität als ideale Sehnsuchtsorte brauchen wir vielmehr Anti-Dystopien: Ideen fürs Vorankommen im realen Hier und Jetzt und für eine bessere Zukunft.

Die Zukunft. Was soll das sein? In den Nachrichten sieht man jeden Tag Kriegsbilder – ob sie real sind oder fake, ist nicht mehr immer klar. Künstliche Intelligenz bedroht unsere Jobs. Das Klima kollabiert. Die junge Generation verfällt in Depressionen. Und im Hintergrund summen die Abgesänge auf die Demokratie.

Jetzt wäre es doch Zeit für Utopien. Stattdessen Dystopien überall, ob in den Nachrichten oder der Pop-Kultur. Wir lebten in einem postutopischen Zeitalter, stellen Kulturtheoretiker wie der Marxist Fredric Jameson oder der Philosoph Jean-François Lyotard schon in den siebziger Jahren fest.

Nach dem Scheitern grosser Gesellschaftsentwürfe wie Sozialismus und Kommunismus, nachdem der Neoliberalismus doch nicht die versprochene soziale Gerechtigkeit gebracht hatte und nach den Katastrophen des Holocaust, des Stalinismus und Maoismus ging das Vertrauen in grosse Gesellschaftsentwürfe verloren.

«Das 20. Jahrhundert war geprägt von der Pervertierung utopischer Ideen, die als reale gesellschaftspolitische Projekte umgesetzt werden sollten», sagt die Politologin Isabelle Hermann, Spezialistin für Science-Fiction und utopische Literatur. «Und weil die Moderne und dann die Postmoderne zu gesellschaftlicher Fragmentierung geführt haben: Wie sollte man sich da noch auf eine ‹grosse Erzählung› einigen können, wie Utopien es sind?»

Die Utopie hatte mit der Realität noch nie viel zu tun. Sie ist ein Gedankenspiel, ein literarisches Genre. «Da kommt auch der Name her: von ‹Utopia›, dem Roman von Thomas Morus von 1516, der sich das ideale Leben einer idealen Gesellschaft auf einer abgelegenen Insel vorstellte. Der Name ist ein Sprachspiel mit dem Gleichklang von englisch ‹u-topia›, griechisch für ‹Nicht-Ort›, und ‹eu-topia›, also ‹guter Ort›.»

«Utopia» war eine Satire auf die feudale englische Gesellschaft, die Morus für absolut verkommen hielt, und hatte eine gesellschaftskritische Funktion. Folglich sind darin die Schattenseiten dieser Phantasien von einem guten Ort, den es ja aber gar nicht gibt, zu erkennen: Utopien sind elitär, exklusiv und neigen zum Totalitären. Jemand – aber wer? – entwirft eine perfekte Gesellschaft, wo es keine Probleme und nur eine geltende Meinung gibt. Wer nicht daran teilnehmen oder Kritik üben will, ist raus.

So ein «idealer» Ort, bevölkert mit einer unterwürfigen Gesellschaft, ist zum Stillstand und Scheitern verdammt. Trotzdem blieb die Sehnsucht nach so einem Idyll bestehen; nach einem Paradies auf Erden, wo die Menschen gesund und wohlgenährt und friedlich nebeneinander leben, wo Wohlstand und Gerechtigkeit herrschen.

Die Schweiz als Utopie

Etwa so beschreiben einem Menschen aus dem Ausland ihre Vorstellungen von der Schweiz: ein Land, fernab von allem Schlechten, verziert mit schneebedeckten Bergen, tadellos organisiert, reich und zufrieden und ausgestattet mit dieser magischen direkten Demokratie. Das ist natürlich Kitsch. Ein Verdienst der Schweizer Soft Power von geistiger Landesverteidigung bis zu Schweiz Tourismus.

Aber die direkte Demokratie dürfte tatsächlich viel damit zu tun haben, dass es in der Schweiz ruhiger zu und her geht als um uns herum. Das Mehrparteiensystem verhindert Polarisierung. Die siebenköpfige Regierung lebt die Fähigkeit zum Kompromiss vor. Die Möglichkeit, als Bürger seine Stimme abgeben und auch selbst Initiativen lancieren zu können, statt von Politikerinnen und Politikern abhängig zu sein, bewahrt vor dem Gefühl der Ohnmacht, das im schlechten Fall in Extremismus mündet.

Das Bild der Schweiz als einer Insel der Glücklichen entspricht der Vorstellung von Utopien im 16. Jahrhundert als geografischen Orten, schwer zu erreichen, meist Inseln weit draussen im Ozean. Als im späten 18. Jahrhundert die Industrialisierung und der technisch-wissenschaftliche Fortschritt einsetzten, verlagerte sich die Vorstellung von Utopien in eine andere Dimension: die Zeit. «Utopie» meinte jetzt eine «Möglichkeit der zukünftigen Verwirklichung», wie Isabella Hermann sagt.

Seither fachen die Möglichkeiten der Technologie die menschliche Phantasie an. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte die «Technokratische Bewegung», der auch Elon Musks Grossvater anhing, dass technischer Fortschritt künftig alle Probleme lösen werde.

Dasselbe versprechen heute Ingenieure, Investoren und Wissenschafter aus dem Silicon Valley. Ob Klimawandel, Ressourcenknappheit, Ungleichheit, Überalterung – KI und Robotik sollen es richten. Wobei solche utopischen Ideen zur Rettung der Menschheit genauso gut auch nur Versuche der Tech-Milliardäre sein könnten, ihren Reichtum und ihre Macht vor der Welt zu rechtfertigen.

Soll Elon Musk weiterträumen

Mit der Realität haben diese Utopien so wenig zu tun wie die Phantasien des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis von einer Weltbank, die Zinsen an alle ausschütten müsste. Oder wie die «Utopien für Realisten», die der Historiker Rutger Bregman propagiert. Wer dem Gründer der «School for Moral Ambition» in Podcasts zuhört, möchte ihn fragen, wann seinen Theorien denn endlich Konkretes folge.

Sollen die Selbstdarsteller wie Elon Musk oder Jeff Bezos weiterträumen davon, wie sie zur Rettung der Menschheit den Mars beziehungsweise den Mond kolonisieren wollen. Wenn es nach Isabella Hermann geht, dann ist die Utopie nicht wirklich dienlich, um über eine bessere Zukunft nachzudenken. Wenn schon, dann brauchten wir Anti-Dystopien. Also Ideen, um sich Dystopien zu widersetzen.

Inspiriert von Romanen wie «The Ministry for the Future» von Kim Stanley Robinson, beschreibt sie in ihrem Buch «Zukunft ohne Angst», wie Anti-Dystopien aus gegenwärtigen Missständen und Katastrophen des Anthropozäns hervorgehen und die Menschen dazu anregen, die Gegenwart umzugestalten, um so auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten: für mehr Gemeinschaften, in denen verschiedene Menschen gleich viel wert sind. Für mehr Gerechtigkeit, wie beispielsweise Wikipedia, das als Gratis-Enzyklopädie Wissen für alle zugänglich macht. Oder für mehr Mitbestimmungsrecht wie in einem indischen Dorf, wo der Bürgermeister den traditionellen «Rat der Weisen» durch direkte Demokratie ersetzt hat.

Anders als die Utopie stellen Anti-Dystopien keine Perfektion, kein Idealbild in Aussicht, sondern sind als kontinuierliche Anstrengung hin zum Besseren zu verstehen, die auch nicht reibungslos verläuft.

Eigentlich gibt es Anti-Dystopien schon lange, man hat sie nur nicht so genannt. Vieles von dem, was heute als normal erscheint, galt vor nicht allzu langer Zeit als unvorstellbar, wurde von Gegnern vielleicht sogar als Utopie verlacht: die EU, die Nato, das Frauenstimmrecht, Altersvorsorge, Krankenversicherung, LGBTQ+-Rechte, das Reisen im Flugzeug, Solarstrom, und jetzt die künstliche Intelligenz.

Dass Utopien in der Literatur besser aufgehoben sind als in der Realität, müssen Libertäre um den Investor Peter Thiel zurzeit erkennen. Sie wollen auf der honduranischen Insel Roatán eine privatisierte Stadt namens Próspera aufbauen. Noch kämpfen sie gegen Widerstand. Die neue Regierung hat die Gründung des Staats innerhalb ihres Staats für illegal erklärt.



Am 27. 7. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Illustration: Simon Tanner