Wie viel Realität steckt im Dokumentarfilm?

Absolute Objektivität gibt es in Dokumentarfilmen nicht. Wenn diese aber immer mehr aussehen wie Spielfilme, entstehen Zweifel an der Glaubwürdigkeit.

Aber ist das auch wahr? Das ist eine Frage, die man sich bei einem Dokumentarfilm nicht stellen möchte. Manchmal kommt man jedoch nicht umhin. Jüngst wurde «Love­mobil» von Elke Margarete Lehrenkrauss, ein Film über Prostitution, als Fälschung entlarvt.

Die vermeintlich realen Momente zwischen Prostituierten und Freiern waren von Darstellerinnen und Darstellern gespielt. Die Regisseurin versuchte sich zu rechtfertigen mit dem Argument, dass sie mit der Methode «eine viel grössere Realität» habe schaffen können, als wenn sie hinter einem Busch hervor gefilmt hätte, um dann «die Menschen zu verpixeln, die zufällig vorbeikommen».

Eine Realität zu schaffen, ist aber nicht dasselbe wie der Versuch, eine Realität abzubilden. Dass Dokumentarfilme dies tun, davon möchte man als Zuschauerin ausgehen – bei gleichzeitigem Wissen darum, dass man aus der Perspektive einer Regisseurin oder eines Regisseurs auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit schaut, dass das Filmen gezwungenermassen ein kreativer Umgang mit der Realität ist. Absolute Objektivität gibt es nicht.

Auch brauchen Dokumentarfilme eine narrative Struktur. Ohne diese, also ganz ohne Inszenierung, ist Erzählen nicht möglich. Wenn aber die Inszenierung wichtiger wird als die Realität, von der der Film berichten will, wenn Information zur Unterhaltung, gar zum Thriller wird, dann leidet die Glaubwürdigkeit. Solches Dokutainment stellt die Gattung des Dokumentarfilms infrage.

Beispiele dafür findet man besonders leicht auf Netflix. Eines der jüngsten ist «Seaspiracy» des Briten Ali Tabrizi, der von der Zerstörung der Ozeane durch die industrielle Fischerei handelt und auch vom Märchen der «nachhaltigen Fischerei», das uns von der Nahrungsmittelindustrie erzählt wird.

Was Tabrizi zeigt, ist so schockierend, dass man nie mehr Meerfisch essen will. Da sind die Bilder von Delphinmassakern in Japan, aufgenommen mit versteckter Kamera. Oder Vertreter von Nachhaltigkeitslabels, die nach Ausflüchten dafür suchen, warum sie nicht zum Verzicht auf Meerfisch aufrufen. In Statistiken zeigt er Ausmass und Konsequenzen der industriellen Fischerei.

Diese Fakten sind so stark, dass man sich fragt, warum manche der Sequenzen aussehen müssen, als ob sie einem Thriller entstammten: Handkamera, schnelle Schnitte, peitschende Musik, Verfolger im Rückspiegel.

Aktivismus ist nicht objektiv

Ali Tabrizi stellt sich am Anfang seines Films als Liebhaber der Ozeane vor. Das wirkt zunächst sympathisch, der Mann identifiziert sich mit seinem Film. Aber zusammen mit der spektakulären Inszenierung macht er sich auch des Aktivismus verdächtig.

Der Amerikaner Bryan Fogel, Regisseur von «The Dissident», der vom Mord am saudischen Journalisten Jamal Khashoggi 2018 erzählt, bezeichnet sich offen als Aktivist. Und das, obwohl er arbeitet wie ein investigativer Journalist und sich eigentlich der Objektivität verpflichten müsste.

Fogel wurde bekannt mit dem oscarprämierten «Icarus» (2017), der von einem Selbstversuch mit Doping handeln sollte. Aber dann wurde sein Berater, Grigori Rodtschenkow, Direktor des Moskauer Anti-Doping-Zentrums, vor laufender Kamera zum Whistleblower und half mit, ein vom russischen Staat finanziertes Doping-Programm aufzudecken. Unverhofft fand sich Fogel in einem Krimi wieder.

Wie Fake-News in der Zeitung

«The Dissident» sollte erneut ein solcher Thriller werden. Entsprechend ist er noch dramatischer inszeniert als «Icarus».

Dass die unablässig dröhnende unheilverkündende Filmmusik und die auf maximalen Spannungsaufbau zielende Montage skeptisch machen und die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft ankratzen könnten, davon will Fogel nichts wissen. «Alles im Film entspricht der Wahrheit. Dass wir ihn als Thriller inszenieren, Musik und Animation nutzen, um Emotionen zu verstärken, ändert daran nichts. Das ist Kino, und wir wenden diese Techniken an», sagte er im Interview.

«The Dissident» fügt dem, was schon bekannt war, wenig hinzu. Trotzdem ist es ein wichtiger Film. Er macht Zusammenhänge greifbar, benennt Schuldige und Verdächtige in einem Mordfall, der eine Machtdemonstration Saudiarabiens gegen einen seiner wichtigsten Kritiker gewesen sein dürfte.

Auch hier wären die Fakten stark genug, um das Publikum in Bann zu ziehen: detaillierte Angaben zum Tathergang in der Botschaft, Versuche Saudiarabiens, den Mord zu vertuschen, und schliesslich Aussagen des Internetaktivisten Omar Abdulaziz im kanadischen Exil. Dieser arbeitete mit Khashoggi zusammen im Kampf gegen saudische Online-Trolle, die auf Twitter jede kritische Stimme mundtot machen.

Der Film sollte etwas bewirken wie «Icarus», der zur Diskussion im Kampf gegen internationale Korruption und Doping im Sport beitrug. Aber jetzt wird Fogel das Millionenpublikum verwehrt, weil keine der grossen Plattformen den Film kaufen wollte. Geschäftsinteressen und der Wunsch, global zu wachsen, seien für solche Firmen wichtiger, als Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, sagt der Regisseur dazu.

Die Angst vor der Veröffentlichung mag allfällige Zweifel am Wahrheitsgehalt seines lauten Films zerstreuen. Dass solche Zweifel überhaupt aufkommen, führt zur Frage, wie viel Inszenierung die Vermittlung von Information verträgt.

Sicher mehr im Fall von historischen Dokumentationen, wie man sie bei Sendern wie Arte regelmässig findet. Dort sollen mittels Reenactment vergangene Epochen wiederbelebt werden. Die verkleideten Schauspieler und die aufdringlich kitschige Musik machen die Schein-Authentizität offensichtlich und oft auch unfreiwillig komisch.

Aber wenn Dokumentarfilmer journalistisch arbeiten, richtet zu viel Spektakel Schaden an. Im Fernsehen mag man das Unterhaltung nennen. In der Zeitung wären es Fake-News.

 

Zuerst erschienen am 3.4.2021 in der «NZZ am Sonntag». (Bild: Netflix)

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