«Wir sind nicht die Sexpolizei»

Locarno lädt einen Regisseur ein, der seit Jahren für seine freizügigen Filme und Machtmissbrauch am Set kritisiert wird. Und was hat sich geändert, seit es Intimitätskoordinatorinnen gibt?

Er wolle keine Zensur, sagt Giona Nazzaro, der künstlerische Direktor des Locarno Film Festival. «Ich ziehe es vor, Diskussionen zu verursachen. Wir zeigen ‹Mektoub, My Love: Canto Due› von Abdellatif Kechiche wegen seiner künstlerischen Qualität im Wettbewerb.» Das Problem mit dem Film ist, dass der 64-jährige französisch-tunesische Regisseur, bekannt geworden mit dem preisgekrönten Drama «La vie d’Adèle», seit Jahren für sein Verhalten an seinen Filmsets kritisiert wird.

Ein langjähriger enger Mitarbeiter nannte ihn gegenüber dem Filmmagazin «So Film» einen «narzisstischen Perversen», andere berichten von psychologischer Manipulation und chaotischen Zuständen an seinen Sets. 2018 verklagte ihn eine junge Frau wegen sexueller Nötigung, was aber, wie oft in solchen Fällen, nicht belegbar war und juristisch ohne Folgen blieb.

Kechiches neuen Film jetzt in Locarno im Wettbewerb zu wissen, «ist verstörend», sagt die Schweizer Filmemacherin und Mitgründerin des Swiss Women’s Audiovisual Network (Swan) Laura Kaehr. «Angeblich wollten Cannes, Venedig und Berlin wegen der Vorwürfe gegen Kechiche nichts mit dem Werk zu tun haben. Und Giona Nazzaro erwähnt nichts von der Kontroverse.» Stattdessen meinte er nach der Programmankündigung, er sei «stolz darauf» und «besonders glücklich darüber», Kechiche fürs Festival gewonnen zu haben.

Locarno-Direktor nimmt Stellung

«Wir kennen die Kontroverse, und wir wollen auch nichts relativieren», erklärt Nazzaro seine Aussagen jetzt im Festivalbüro von Locarno. Aber selbstverständlich kritisiere auch das Festival übergriffiges Verhalten. Gemeint ist Machtmissbrauch. Der ist weit verbreitet in der Film- und Theaterbranche, worüber erst seit #MeToo wirklich gesprochen wird.

«Mektoub, My Love: Canto Due» ist der Abschluss einer Trilogie, die von einer Amour fou zwischen einem jungen Paar erzählt. Der Stil ist dokumentarisch, Bilder von (halb-)nackten Frauen sind zahlreich, das Problem war Teil zwei, «Mektoub, My Love: Intermezzo». Der sorgte 2019 bei der Premiere in Cannes für Entsetzen wegen einer knapp zehnminütigen und nicht simulierten Sexszene zwischen den Hauptdarstellern Ophélie Bau und Shaïn Boumedine. Laut Berichten von am Dreh Beteiligten war diese unter Einfluss von viel Alkohol entstanden. Ophélie Bau sagte später, sie sei nicht einverstanden gewesen damit, dass diese Bilder so im Film landen würden. Aber Kechiche verwendete sie trotzdem.

Die Kontroverse, die um die «Mektoub»-Trilogie entstand, macht diese Filme zum Exempel dafür, wie schwierig das Inszenieren von Sex und Intimität ist. Wie leicht «im Namen der Kunst» Macht missbraucht wird und wie schwierig es für Schauspielerinnen ist, sich zu wehren.

«Wenn am Set Alkohol getrunken wird, ist die Basis für Zustimmung nicht mehr gegeben, auch nicht in einem rechtlichen Rahmen», sagt Désirée Wenger vom Kollektiv Intimacy Coordinators and Directors Switzerland. Sie und ihre Kolleginnen Meg Adams und Emma Murray erzählen im Online-Gespräch von ihrem Beruf, der hier in der Schweiz noch am Entstehen ist. Sie seien «eine Sicherheitsmassnahme, aber keine Garantie» dafür, dass bei Filmdrehs oder Theaterproben nichts geschehe, «was die Sicherheit von jemandem bei intimen Szenen gefährdet».

Wenn eine Produktion Intimitätskoordinatorinnen ans Set holt, dann geht es erst einmal um Kommunikation. Sie analysieren das Drehbuch und sprechen mit der Regie darüber, wo sie ihre Unterstützung anbieten. Es können Szenen sein, in denen man jemanden nackt sieht, ob unter der Dusche oder als Leiche in der Pathologie. Es können nur Berührungen sein oder Geburtsszenen.

Keine Standards für die Darstellung von Intimität

«Wenn in einem Drehbuch steht: ‹Sie haben Sex›, dann stellen sich darunter alle etwas anderes vor. Wir stellen sicher, dass Darstellerinnen und Darsteller vor dem Dreh erfahren, wie die Regie die Szene haben will», sagt Meg Adams. Damit diese einwilligen können, klären die Koordinatorinnen in Einzelgesprächen, wo persönliche Grenzen liegen. Es geht darum, unter Wahrung der künstlerischen Vision ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem individuelle Grenzen respektiert werden. Das reduziert die Gefahr des Machtmissbrauchs in so stark hierarchisch strukturierten Branchen wie jenen von Film und Theater.

Interessanterweise gibt es für Kampfszenen zum Schutz der Beteiligten längst Choreografien oder professionelle Stunt-Doubles. Abgesehen von Tom Cruise und Jackie Chan, der am Samstag in Locarno für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, setzen sich Schauspieler kaum je gefährlichen Situationen aus. Für die Darstellung von Intimität hingegen existieren, auch in der Schweiz, noch keine oder wenige vergleichbare Standards, obwohl solche Szenen zu spielen enorm anstrengend sein kann. Der Dokumentarfilm «Lass es echt aussehen» von Claire Warden zitiert Hollywood-Stars, die von psychischer Extrembelastung berichten. Nicole Kidman etwa warf eines Abends nach dem Dreh einer Szene mit sexualisierter Gewalt für «Big Little Lies» zu Hause mit einem Stein eine Glastür ein.

Es ist kaum vorstellbar, dass ein Regisseur wie Abdellatif Kechiche Intimitätskoordinatorinnen dulden würde. «Entgegen mancher Erwartungen sind wir aber nicht ‹die Sexpolizei›, sagt Meg Adams. «Wir wollen nicht den Sex aus den Drehbüchern streichen.» Aber sie fragen: Auf welche Weise kann man eine Geschichte erzählen, ohne dass jemand sich zu etwas gezwungen fühlt?

Nacktheit schockiert nicht mehr

Auch wenn es immer mehr Intimacy-Coordinators gibt, lehnen manche ihre Dienste ab. Gwyneth Paltrow und Timothée Chalamet beim Dreh für «Marty Supreme» (2026) fanden: Brauchen wir nicht. So auch Alison Brie und Dave Franco, die seit Jahren verheiratet sind, im demnächst anlaufenden Horrorliebesfilm «Together».

Für sie bedeuten intime Szenen etwas anderes als für zwei, die sich kaum kennen oder nicht mögen, so wie Jamie Dornan und Dakota Johnson am Set von «Fifty Shades of Grey». Um sie trotzdem glaubwürdig aussehen zu lassen, gibt es Tricks, die beim Schauspiel helfen: «Das kann eine bestimmte Bewegung mit der Hand sein, ein langer Blick, eine Art zu atmen, die, richtig inszeniert, nach Liebe oder Erregung aussieht. Da ist keine Magie im Spiel, es ist Choreografie», erklärt Meg Adams.

Seit es das Kino gibt, war es auch dazu da, um mit dem Zurschaustellen von Nacktheit zu schockieren. Aber je weniger Tabus (und je mehr frei verfügbare Pornografie) es gibt, desto seltener geschieht dies noch. Schockierend ist heute kaum mehr das Gezeigte und vielmehr der Kontext seiner Entstehung, so wie im Fall der «Mektoub»-Trilogie. Dass Debatten entstehen um solche Filme, ist ein Fortschritt. Entscheidend ist aber, wie sie geführt werden.

Die Filmemacherin Laura Kaehr, die sich mit Swan seit 2018 für mehr Geschlechtergerechtigkeit engagiert hat, zu der sich auch Locarno verpflichtet hatte, ist keine Befürworterin von Zensur. Aber sie nennt die Einladung von Kechiche «eine Farce», weil das Festival ihm mit dem Platz im Hauptwettbewerb eine Plattform gibt.

Nazzaro wiederum versichert, es gehe in keinem Fall darum, die Errungenschaften von #MeToo zu schmälern. Er besteht darauf, dass man zwischen Werk und Autor unterscheidet: «Wenn man eine künstliche Trennung vornimmt, verliert man das Gesamtbild aus dem Blick», sagt er. «Ein Werk hat sein unabhängiges Leben. Und wenn es interessant ist, dann wollen wir uns damit auseinandersetzen.»

Aber was ist, wenn es Werke nur deswegen gibt, weil deren Autoren Grenzen überschritten haben?



Am 10. 8. 2025 in der NZZ am Sonntag erschienen. Bild: PD