Zu hell ausgeleuchtete Abgründe

Ich finde, im Thriller «Jagdzeit» von Sabine Boss laufe alles zu glatt. Die Regisseurin erklärt, warum das so sein muss. 

Jagdzeit» sei «wie eine griechische Tragödie, die in der Teppichetage spielt». So beschreibt Sabine Boss ihren neuen Thriller, der inspiriert ist von wahren Ereignissen. Antagonisten, Konflikte, Tragik – es ist alles da, aber Boss bändigt den Stoff zu sehr.

Der tragische Held ist Alexander Meier (Stefan Kurt), der gewissenhafte Finanzchef einer auf Katalysatoren spezialisierten Firma. Sein neuer Chef, der skrupellose und selbstgerechte Hans-Werner Brockmann (Ulrich Tukur), soll den schwächelnden Betrieb wieder auf Kurs bringen. Brockmann hat wenig Interesse daran, die Umstrukturierung mit Bedacht anzugehen. Er ist auf persönlichen Ruhm aus und prescht voran, will die Firma entgegen allen Ratschlägen von Meier zuerst verkaufen, dann auch noch den Börsengang wagen. Als er scheitert, soll Meier schuld daran sein. Dieser, der sein ganzes Leben und auch seine Familie der Arbeit geopfert hat, sieht keinen anderen Ausweg mehr als den Suizid.

Das läuft zu geschmeidig

Boss sagt von sich, sie sei jemand, die «erklären und zusammenführen will». Sie erklärt in «Jagdzeit» die Welt der Wirtschaft so gut, dass deren Komplexität sich in Geschmeidigkeit verwandelt. Der Thriller entwickelt sich ohne Hindernisse auf sein tragisches Ziel zu, die Rädchen im Erzählwerk laufen wie geschmiert. Diese Reibungslosigkeit sei der Verdichtung geschuldet, erklärt Boss. «Wir haben ein knappes Jahr auf 90 Minuten eingedampft.» Boss hat in rund 30 Tagen verfilmt, woran sie und ihre Drehbuchautorin Simone Schmid während sieben Jahren gearbeitet hatten. «Es gibt über 20 Fassungen. Wir mussten uns dem Stoff annähern», sagt Boss. – Man wüsste gern, wie eine rohere Version dieser Geschichte aussah.

«Die Idee war, eine Firma zu zeigen, die vor dem Umbruch steht und noch nicht von einem Innenarchitekten auf einen ‹Corporate Look› getrimmt wurde», sagt Boss. «Dann platzt der Neue rein, der nichts anfangen kann mit der Schlafwagenmentalität der Schweizer. Er will nicht nachdenken und nachrechnen wie sein Finanzchef, sondern Tempo machen. Er hasst es, wenn er gebremst wird.»

Dass einmal abgebremst und wieder Gas gegeben würde, das vermisst man in «Jagdzeit». Der Film ist in einem so gleichmässigen Rhythmus inszeniert, dass die Ruhe der Montage die zunehmende Verzweiflung des Finanzchefs relativiert. «Wir wollten nicht die schnellen Schnitte, Zooms und Schwenks, mit denen Wirtschaftsfilme Stress symbolisieren», erklärt Boss. «Ich wollte das Gegenteil der Serie ‹Bad Banks›: einen nüchternen und distanzierten Blick auf die Figuren, die in diesen Büros gefangen sind.» Die Langsamkeit, mit der sie uns zum Hinschauen zwingt, macht aber ungeduldig und der nüchterne Blick die Identifikation mit den Figuren nicht leicht.

Dabei ist die Versuchsanlage sehr interessant: Da treffen ein schüchterner Perfektionist und ein zynischer Narzisst aufeinander. «Brockmann ist ein Dickhäuter, er liebt die Provokation und den Konflikt. Das ist ein Spiel für ihn, diesen Jäger. Der Dickhäuter merkt nicht, was er dem dünnhäutigen Meier antut, und dieser rächt sich mit seinem Selbstmord. Das war unser psychologischer Bogen», erklärt Boss. – Die beiden sind allerdings so deutlich als Antagonisten gezeichnet, dass es ihnen an Ambivalenz mangelt. Ihre Abgründe sind hell ausgeleuchtet. Warum zum Beispiel muss Meier Probleme mit der Ex-Frau haben und auch noch einen Sohn, der sich von ihm entfremdet?

«Wir wollten ihn zuerst als zufriedenen jungen Familienvater zeigen, der sich am Ende umbringt. Aber dann merkten wir, das ist falsch», sagt Boss. Denn es sei so: «Wer entweder im Berufs- oder im Privatleben Probleme hat, fängt sich wieder. Aber wenn beides nicht mehr läuft, stürzt du ab. Wir wussten: Meier kann nicht nur der Gute sein, der weggemobbt wird. Er ist auch Teil des Systems. Es ist ein Mann, der rechnen, aber nicht reden kann. Er hat keine Freunde. Seit seine Frau weg ist, hat er kein Sozialleben mehr.» Dass Meier in einer karg eingerichteten Wohnung lebt, die zu gross ist für ihn, ist ein gar deutliches Symbol für seine Einsamkeit. – Mehr von dem Öl auf die Rädchen der schnurrenden Erzählmaschine.

«Wir wollten keinen reinen Wirtschaftsfilm. Wenn es nur ums Business ginge, würde das emotionale Andocken schwierig», erklärt Boss. – Aber zu sehen, wie der Chef einen Mitarbeiter mobbt und dieser langsam einbricht, ist doch emotional. Und Narzissten findet niemand sympathisch. – «Aber sie sind auch faszinierend. Brockmann ist sexy, der macht die viel besseren Sprüche.» – Bessere als die Sinnsprüche aus «Hagakure: Das Buch der Samurai», das Brockmann seinem Finanzchef schenkt. Man ist zunächst so amüsiert wie dieser selbst, als er es aufklappt: Es wirkt lächerlich, wie Manager sich als Krieger inszenieren. Aber dann hört man Meier immer wieder aus dem Off aus dieser mittelalterlichen Sprüchesammlung zitieren. Das Buch wird zu seinem Leitfaden. Und für Sabine Boss zum Mittel, um Meiers seelische Verfassung eher in Worten statt durch Bilder und Atmosphäre zu vermitteln.

Die Qualen der Männer

«‹Hagakure› war die Manager-Bibel in den achtziger Jahren», erklärt sie. «Das Buch untersucht ein Männlichkeitsbild.» Dieses Männlichkeitsbild ist das Spannendste an «Jagdzeit». In der Demontage von Männlichkeitsritualen, etwa dem Jagen, liegt eine gewisse Komik. Im Hinterfragen von Rollenzwängen die Tragik. «Die grossen Fragen für mich sind: Warum können viele Männer nicht reden? Warum ist Schwäche zeigen so negativ behaftet? Warum geht man unter, sobald man in einer Diskussion unterliegt? Warum hört einer nicht auf, wenn er seine Millionen verdient hat? Oder wenn er gemobbt wird? Männer definieren sich über den Erfolg, vor allem den Erfolg im Job.» Ob Frauen sich anders verhalten würden, ­könnten wir dann beurteilen, «wenn das Geschlechterverhältnis in den Führungspositionen 50:50 beträgt, also in etwa 100 Jahren», meint sie. Um in einer Führungsposition zu überleben, müsse man so sein wie Brockmann. «Es muss dir egal sein, was die Leute über dich denken. Das ist das psychische Diagramm, an das ich mich gehalten habe. Ich hoffe, ich kann es vermitteln.»

Sabine Boss vermittelt es sogar zu gut, weil sie sicherstellt, dass ihr Publikum alles versteht. Während man ihr zuhört, wie sie über «Jagdzeit» spricht, öffnet sich der Raum für Interpretation, den man sich als Zuschauerin im Kino gewünscht hätte.


 

Erschienen am 15. Februar 2020 auf nzzas.ch

(Bild: Turnus Film)

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